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Vermeider

Posted on Dienstag, Dezember 17, 2013 in Newsletter

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Einer muss es ja tun.

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“Schon in die Zeitung geguckt?” – “In die… ?” – “Zeitung. Das hatte man früher mal, das war so eine Art Tablet. Vor Internet und so, ewig her. Also ich meinte: Hast du schon gelesen, was sie heute morgen gefunden haben?” – “Das Kind?” – “Miese Sache.”

Der Morgen verlief eigentlich ganz ok, aber die Stimmung war mies. Wir hatten wieder einen Auftrag bekommen, und wenngleich die Welt einen dafür liebte (bis auf die übliche Schnittmenge an Menschen, die natürlich mal wieder gegen alles sind), wusste man: Eine andere Welt würde einen dafür hassen. Nur, dass man diese andere Welt immer nur sehr kurz zu Gesicht bekam – trotzdem, man wusste es und dieses Wissen deprimierte. Da half es dann auch nicht gerade, die Meldung zu lesen, dass ein Kind auf offener Straße ermordet wurde – unseretwegen hat es das vermutlich auch schon gegeben, unzählige Male.

Also nur mal, um das schnell klar zu stellen: Wir sind keine Psychopathen, die Kinder ermorden! Nicht, dass da jetzt ein falscher Eindruck entsteht. Ich sollte vielleicht erst mal mit einer kleinen Berufsbeschreibung anfangen: Wir sind “Vermeider”. Eigentlich heißt das natürlich ganz anders, mit ganz viel Drumherum und Political Corectness und so, aber es sagt ja auch keiner Reinigungsfachangestellte im Facilitymanagement, sondern einfach nur Putzfrau. Und deshalb sage ich jetzt auch ganz einfach: Vermeider. Die Idee dahinter kennt man ja schon aus vielen Filmen und so, vor einer halben Ewigkeit gab es da sogar eine Reihe von Filmen drüber, den “Terminator”. Da kamen dann Typen aus der Zukunft, und die brachten dann die frühere Version von Leuten um, aus denen später (also in der Zukunft bzw. deren Gegenwart) wichtige historische Figuren wurden bzw. geworden wären. Aber der ganze Kram mit Maschinen und so ist natürlich Blödsinn. Die Zeitreisen wiederum, wenn auch auf eine völlig andere Art (doch das wäre hier unpassend und zu komplex), sind ja inzwischen problemlos möglich. Und das machen wir eben: Wir reisen zurück, töten gefährliche Menschen noch vor ihrem ‘Vergehen’ und sind bis zum Essen wieder zu Hause. So läuft das.

Was ich immer wieder gefragt werde: Warum habt ihr Hitler nicht getötet, als er noch ein Kind war? Nun, dazu gibt es zwei Gründe. Der kleine ist erst mal: Sowas machen wir nicht, Kinder töten. Das wäre ja echt zu heftig. Wir sorgen eher dafür, dass diese Personen dann in ihrem späteren Leben – mal früher, mal später, Hauptsache noch vor ihrer historisch relevanten Tat – zum Beispiel einen unglücklichen Unfall haben, oder sich auf einer Party eine Überdosis reinpfeifen, oder sie unglückliche Opfer eines Raubüberfalls werden. Wir sind ja keine kranken Killer, das ist echt nur eine reine Notwendigkeit. Na ja, und der andere Grund (der richtige diesmal): Als diese Technik mit Zeitreise und so erfunden wurde, sagte der Erfinder clever: Natürlich dürfen wir nichts vor diesem Augenblick ändern, sonst wäre das hier ja vielleicht alles gar nicht passiert. Deshalb ändern wir das auch erst seit knapp 2009, als die ersten Versuche funktioniert haben. Inzwischen haben wir 2042 und es läuft ganz prima so weit.

Aber noch mal zurück zu dem Kind, was sie gefunden haben. Wir wissen natürlich, dass wir immer nur unschuldige Menschen kaltblütig umbringen. Also, die haben ja noch nichts schlimmes getan, darum geht es ja – in den Augen aller sind sie einfach nur der nette Kerl von nebenan. Echt mies, und wir hinterlassen ja auch meistens Familien, Freunde und so weiter. Und wenn man dann in der Zeitung liest, dass eben wie gestern Abend ein junger Kerl mit einem Kopfschuss hingerichtet wurde, fragen wir uns halt schon: War das vielleicht ein Kollege aus der Zukunft? Oder waren das vielleicht sogar wir? Wie gesagt: Keine Kinder, aber das ist nur eine Richtlinie. Manchmal geht es eben nicht anders. Trotzdem mies, wenn man einen neuen Auftrag bekommt (das passiert ja nur alle paar Monate) und gerade davor diese Meldung gelesen hat.

Tja.

Diesmal ist es eine Frau, immerhin schon stolze 74. Sie hat vor wenigen Monaten eine richtig richtig kranke Scheiße (Verzeihung) abgeliefert, also echt jetzt. Ich darf da nichts genaues sagen, aber ich versichere euch: Dieser Auftrag fiel mir deutlich einfacher als viele andere. Man denkt immer, die Bösen wären nur so engagierte Männer Mitte 30 oder alte Mafia- oder Drogenbosse, aber dieser Dämon hat quasi im Alleingang den kompletten…. wie gesagt, keine Details. Gibt sonst Ärger.

Wir machen uns also auf den Weg. Unser Ziel ist – ihr könnt es euch denken – Dezember 2013. Wir hätten es ja echt gerne am 13. gemacht, wegen Freitag und so – aber für sowas haben wir keinen Freiraum. Wir planen nicht, wir führen nur durch. Ist wohl besser, dass die, die denken, nicht die sind, die töten. Hat mal einer gesagt, fand ich nicht sonderlich schmeichelhaft – aber hey, es funktioniert, also halte ich die Klappe. Oh, noch was: Manchmal fragen die Leute, warum wir nicht einfach erzählen, dass wir das waren und das es für eine bessere Welt ist – von wegen “Totes Kind” in den Medien und so, die Leute wissen ja inzwischen, dass es uns gibt und was wir machen. Aber unser Boss sagt: “Wenn zum Beispiel die Anhänger oder Freunde wissen, dass wir das waren – dann wissen sie auch, dass ihre Idee Erfolg haben kann und sie echt gefährlich wurden, und dann macht eben ein anderer weiter.” Kann ich auch irgendwie verstehen. Na ja, wir sind also zum Anfang Dezember 2013 gereist und haben uns strikt an den Plan gehalten. Da fällt mir eben noch was ein: Und warum schreibe ich das hier überhaupt? Wir haben uns an diesem Tag, ich erwähnte es bereits mehrfach, echt mies wegen dieses Kindes gefühlt und daher musste ich einfach dieses eine Mal über meine Tat berichten. Ich hab den Text gleich geschrieben und in eurer Zeit gelassen, auf dass ihn jemand findet und veröffentlicht. Das alles wird eh als Blödsinn abgetan, aber ich musste es mir einfach mal von der Seele reden. Und zu der Warnung von unserem Boss: Wir wissen zuverlässig, dass zu dieser Zeit noch keine Pläne oder Gruppierungen von dieser Frau ausgingen, daher kann ich es wohl erzählen.

Jetzt aber endlich mal zur Sache: Wir sind da also in der Nähe von Frankfurt und suchen unsere Zielperson. Als wir sie gefunden haben, müssen wir leider feststellen: Sie ist quasi nie allein. Jetzt keine Bodyguards oder so, sie ist zu diesem Zeitpunkt (gerade noch) eine ganz normale Durchschnittsbürgerin. Aber es ist unser oberstes Gebot, niemanden sonst zu töten! Es gibt zwar gelegentlich Kollateralschaden und Verletzte, aber tödliche Gewalt gegen Nicht-Ziele ist unter allen Umständen zu vermeiden. Zum Glück können unsere PAs (Handys, PDAs, Smartphones – wie auch immer das zu eurer Zeit hieß) heutzutage so viel Zeug berechnen, dass selbst die absurdesten Zufälle planbar sind – das vereinfacht die Sache.

Wir verfolgen sie also ein paar Stunden, um den perfekten Moment abzupassen. Wir haben natürlich keinen exakten Plan oder so, wir können ja nicht in die Vergangenheit gucken (das wäre ja absurd!). Wir reisen hin, beobachten und führen aus. So folgten wir der Frau also den ganzen Morgen, bis mein Partner meinte: “Jetzt.”

Zu meiner Verteidigung: Heimlich, still und leise sind drei Worte, die nicht in unserem Konzept verankert sind.

Medien, Aufmerksamkeit etc. sind uns völlig egal. Das Ziel muss ausgeschaltet werden, sonst darf niemand sterben. Fertig. Der Rest interessiert uns nicht, dramatische Unfälle passieren jeden Tag. Manchmal natürlich bekommt niemand etwas von unseren Aktionen mit, aber manchmal kann man eben nur Minuten später alles im Internet lesen. So wie diesmal. Die Zielperson war inzwischen – immer noch in Begleitung ihrer Mutter – einkaufen gegangen. Wir platziertem uns in einem Hinterhof wenige hundert Meter entfernt, von dem aus wir gute Sicht auf den Supermarkt und die Baustelle nebendran hatten. Ich erwähnte bereits die grandiose Rechenfähigkeit unserer PAs – so aberwitzig das auch gleich klingen mag, wir hatten es ganz exakt berechnet. So standen wir also voll konzentriert auf Position, warteten auf das Piepsen unseres Geräts, hatten die Ladung im Visier. Also, die Ladung des Krans. Dann ging alles ganz schnell: Klingelton lässt uns kurz zusammenzucken, dann der Schuss – lautlos, nicht zu verfolgen, ohne Spuren zu hinterlassen – schon ist die Halterung durchtrennt, der Kran verliert das Gleichgewicht, knickt nach hinten über, donnert mit ohrenbetäubendem Getöse auf den Supermarkt. Es sah aus wie ein Unfall.

Unser Mitgefühl gilt der Familie des Opfers. Es war nur zu unser allem besten.

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  1. Kollege L sagt:

    Erster :-)

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