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Aug 26

Aber ich hab Fotos!

Posted on Montag, August 26, 2013 in Newsletter

Das neue Update erlaubte es mir endlich, das kleine Fenster mit dem Kamerabild jederzeit auf dem Display sehen zu können.

 

Eine Erlösung! Mittlerweile führte ich eine (Cloud-basierte) Strichliste, wie oft ich bereits Pfählen, Zäunen, Kinderwagen oder anderen Menschen erfolgreich ausgewichen bin, ohne den Blick vom Display zu nehmen. Gerade lief ich direkt auf eine weitere Person zu (wie ich zweifelsfrei in dem kleinen Fenster sehen konnte) und wollte mir eben einen weiteren Strich gönnen, als besagte Person meinen Namen laut und deutlich aussprach. Ich war verwundert. Langsam hob ich mein Handy, um das Gesicht jener Person in dem unbeschreiblich praktischen Fenster sehen zu können – doch unterbrochen wurde diese Unternehmung durch die harsche Handbewegung jenes Individuums, die meine Hand samt Gerät absenken ließ. Plötzlich wurde das Gesicht realistischer denn je – dreidimensional, hochauflösend. Ich konnte die kleinsten Hautporen erkennen, es wirkte geradezu, als könne ich sie anfassen. Doch die plötzliche Begeisterung verstarb, als ich erkannte, dass dies nicht das Werk meines Handys war. Nein, das – das war die Realität.

 

Scheinbar scheint die Technik tatsächlich die körpereigene Leistung zu mindern, denn für die soeben erwähnte Erkenntnis brauchte ich hinreichend Zeit, um meinem Gegenüber die Chance zu lassen, meinen aktuellen Gedankengang anhand meiner Mimik zu erahnen. Er sprach mich vermutlich darauf an, doch da in diesem Augenblick der Vibrationsalarm in meiner Hand spürbar wurde, schweifte ich abermals dezent ab. Meine Pupillen taten jene Bewegung, die Frauen an Männern oft mit den Worten “Ich hab auch Augen.” zu beenden versuchen, nur dass mein Blick etwas tiefer und auf meinen eigenen Körper, sprich: meine Hand samt Mobiltelefon, fiel. Aus dem Augenwinkel nahm ich ein Kopfschütteln der Person vor mir wahr, doch lächeln musste ich vermutlich nur auf Grund der Nachricht, die mich soeben erreicht hatte.

Nun könnte der Eindruck entstehen, ich sei durch das Wunderwerk Internet in meiner Hand sozial stark eingeschränkt. Doch als Gegenargument steht im Raum, dass ich den Kerl vor mir nicht ignorierte, sondern höflich meine andere Hand emporstreckte und ihm damit ein Zeichen der Aufmerksamkeit schenkte. Zugleich muss ich etwas unrühmlich ein Argument dafür eingestehen: Während ich die nette Nachricht beantwortete, bekam ich eine weitere – “Ich hab auch Augen.” Ich sah auf und erblickte sie zum ersten Mal bewusst. War doch kein Kerl vor mir. Den Gedanken, ob das an ihrem Erscheinungsbild (und der Stimme…) oder doch nur an meiner fehlenden Aufmerksamkeit lag, lassen wir im Raum stehen. Jetzt jedenfalls hatte sie meine volle Aufmerksamkeit und ich fragte sie verwirrt: “Du schreibst mich an, während ich vor dir stehe?” Ihr Gesicht spiegelte Entgeisterung wieder, sodass ich gleich drei Fotos schoss. Das mittlere sah echt gruselig aus, aber irgendwie auch witzig. Es ist allerdings interessant, dass jedes (!) weibliche Wesen unter 50 zu jedem (!) Foto immer (!) nur ganz genau einen Satz herausbringt: “Lösch das!” Es ist dabei vollkommen irrelevant, ob sie auf diesem Foto so wundervoll wie ein fliegendes Gummibärchen oder so hässlich wie der neue Play Store aussieht – der Kommentar ist immer der gleiche. Oft schon, während die Augen erst das Bild zu erhaschen versuchen und es noch gar nicht analysiert haben: “Lösch das!” Welch ein Glück, dass heutzutage die Fotos sowieso direkt in die Cloud geladen werden und man sie daher beruhigt vor den Augen der fotografierten Person löschen kann, denn das Bild ist ja inzwischen schon längst auf dem heimischen Computer angelangt. Ich grinse also, sage noch alibihaft “Och menno, aber von mir aus…” und lösche die drei Fotos von meinem Handy. Muss dann später nur aufpassen, dass sie nicht ihr neues Kontaktbild auf meinen Geräten sieht.

 

Wir laufen weiter durch die Straßen. Sie erzählt mir etwas, ich sammle Energie, um die Portale in meinem Dorf aufzuladen. Gelegentlich weiche ich anderen Menschen und Litfaßsäulen aus, was sie schließlich bemerkt und mich darauf anspricht. Großer Fehler! Kaum, dass ich ihr, um zu antworten, ins Gesicht sehe, verliere ich das kleine Fenster auf meinem Display aus den Augen und renne volle Kanne gegen eine alte Frau. Da sieht man es mal wieder! Eine Sekunde den Blick vom Handy, und schon bricht die Welt auseinander. Deshalb, liebe Kinder: Finger weg von der Realität! Auch, wenn es manchmal schwer fällt.

 

Plötzlich rempelt mich ein weiterer Typ an – er mich allerdings, diesmal. Er sieht mich schielend mit einem wahnsinnig dummen Lächeln an, rülpst mir blubbernd “Лампа с холодным катодом” ins Gesicht und torkelt weiter. Ich sehe ihm verwirrt nach und prüfe die Fotos, die ich eben gemacht habe, ob ich seinen Blick schön eingefangen habe. Verwackelt leider, aber auf Instagram wirkt das bestimmt wie Absicht. Wird sowieso langsam mal wieder Zeit für einen Upload, ich habe seit über achtundvierzig Minuten keinen Like mehr bekommen und fange langsam an zu zittern. Nichts gibt einem mehr Bestätigung im Leben als ein bedeutungsloser Klick von Menschen, die man gar nicht kennt. Außerdem haben meine Likes schon unzähligen Kindern in Afrika und zahllosen Menschen mit Krebs das Leben gerettet! Mein Handy habe ich übrigens auch überhaupt erst bekommen, weil in einem Laden aus Versehen 500 Stück zu viel geliefert wurden und diese dann an die Personen verschenkt wurden, die den zugehörigen Beitrag als erste geliked hatten.

Aber genug davon, zurück zu meinem Spaziergang durch die Stadt. Hier waren nämlich inzwischen überall Zombies dabei, andere Menschen anzuknabbern. Sorry, dass das euch Leser jetzt etwas überrumpelt, aber es dauert eben seine Zeit, den richtigen Instagram-Filter zu finden und dann auch noch wirksame Unschärfe einzubauen – dann kann um einem herum schon mal einiges passieren. Na ja, jetzt ist es eh zu spät. Ich lade mein modernes Kunstwerk also gerade hoch, als meine Begleiterin (oder war ich eher ihr Begleiter? Wortklauberei, egal) abermals nach meinem Handy schlägt – diesmal aber rabiater. Etwas verwirrt erhebe ich meine Stimme zu einem “Heyyy!”, was sie mir mit einem “Harrrgapflgrrbl!” quittiert. Sie beißt auf das Gorilla Glas™ meines Smartphones – erfolglos, natürlich. Das Zeug ist hart wie Diamant. Ich reagiere zuerst etwas verwirrt, doch ein schnelles Foto mit einer Analyse-App klärt mich auf: Sie ist ein Zombie geworden. (Muss ich jetzt eigentlich Zombine oder Zombi_In schreiben? Neulich brachte mir ein Kollege den Ausdruck “Putzfrau_In” näher, doch bisher wurde dieser vom angestellten Fachpersonal eher euphoriefrei aufgenommen… Bleiben wir bei Zombie, die Lady sah jetzt noch mehr nach Mann aus als ohnehin schon… Nein, das ist gemein. Sagen wir Zombine.)

 

Für einen kurzen Augenblick halte ich fragend inne: Werden die Bilder aus der Analyse-App auch in der gewöhnlichen Galerie gespeichert oder direkt verworfen? Ist aber auch egal, schließlich stand gerade eine leibhaftige Zombine vor mir! Ich tat also das einzig richtige: Ich zielte ihr genau ins Gesicht und schoss. Wieder und wieder und wieder schoss ich, bis ich so an die zwanzig Fotos hatte, teils mit Blitz, teils ohne, mal nur das Gesicht, mal den ganzen Oberkörper. Da ich den Blitz gleich zu Beginn verwendete, war die Zombine zuerst verwirrt und vergaß total, mich zu beißen. Bis zum ca. 20. Foto dann halt. Sie biss mich in den Zeigefinger, was irgendwie total blöd war. (Den Zeigefinger, den ich zum Stabilisieren des Handys nutzte.)

 

Nach getaner Arbeit (dem Biss) schlurfte sie gemächlich weiter, sodass ich Zeit hatte, meinen Finger samt Wunde zu fotografieren. Interessiert schaute ich den Finger an. Die Wunde blutete kaum, breitete sich aber scheinbar immer weiter aus. Das war zwar durchaus interessant, wurde aber schnell langweilig. Im Lauf der Zeit verkrampfte meine Hand allerdings immer mehr, bis ich kaum noch in der Lage war, Minion Rush™ brauchbar zu spielen – jetzt wurde es wirklich nervig. Doch nun kam mir die rettende Idee: Instagram erlaubte inzwischen auch, Videos zu posten! Unter den Tags #zombie #verwandlung #vollkrass #like4like #yolo #yolt nahm ich die letzten Augenblicke meiner Metamorphose auf, um sie im letzten Atemzug als Mensch zu posten. Wie der Ladebalken sich füllte, erlebte ich nicht mehr.

 

~

 

Doch halt! Dies war nicht das Ende!

Nur wenige Minuten später, als ich bereits schlurfend durch die Straßen zog, traf mich ein Bündel aus Energie. Ich wurde zurückgeschleudert, hatte das Gefühl, als wenn man mit einem scharfen Kaugummi oder Bonbon tief einatmet. Es war ein Like! Und noch eins, und noch eins. Es funktionierte tatsächlich! Likes retten Leben! Mit jedem Herzchen für mein Video kam mein Bewusstsein zurück, jeder Doppeltipp auf den Beitrag schenkte mir neue Kraft.

Unglücklicherweise war unsere Stadt eine der letzten noch überlebenden, was dazu führte, dass mein Video nur 23 Likes bekam. Das war zwar schon ganz ordentlich, aber für eine komplette Heilung müssen es leider mindestens 200 sein. (Eine Studie amerikanischer Forscher fand heraus: 396 Likes werden gegen Krebs benötigt, 10.000 damit die Eltern mit einem ins Disneyland fahren und gerade mal 42 Likes, um eine coole Zahl unter seinem Beitrag stehen zu haben). So wandelte ich also leider weiter als Halb-Zombie durchs Leben; ein halb-lebendiges, halb-totes Wesen ohne höhere Ziele, das auf der Suche nach Fleisch völlig verpeilt durch die Gegend wandert.

 

Also eigentlich genau wie vorher.

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