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Mai 14

Ättentschn Hoa

Posted on Dienstag, Mai 14, 2013 in Newsletter

Anlässlich der studentischen Vollversammlung hören Sie nun einen Kommentar.

(Um ihn sowohl zu hören als auch zu SEHEN – hier entlang, bitte: http://youtu.be/RHEdz8YbSxg)


Der typische Student hat keine eigene Meinung. Er ist viel mehr besessen von der Vorstellung, ein aufgeklärtes und selbst-denkendes Individuum zu sein. Um diesen Eindruck zu erwecken, hat der Student das zwanghafte Bedürfnis, sich jedem Umstand entgegenzustellen und stets über jede Entscheidung und Situation, sei sie nun politisch, privat oder auf sonst eine Art, zu schimpfen. Er geht davon aus, dass er selbst (in einer Machtposition) alles besser könnte, liefert aber außer populistischen, einseitigen und unhaltbaren Forderungen weit abseits jeder logischen Realität keinen Beitrag zum Geschehen. Der Student will nichts verändern, und sollten seine Forderungen aus übernatürlichen Gründen tatsächlich erfüllt werden, so wird er sich binnen kürzester Zeit ein neues Areal suchen, welches er von nun an übergangslos heftig kritisieren wird. Abermals sei gesagt, dass dies nicht aus Bosheit entsteht – nein, der Student kann nichts dafür, hat er doch den unhaltbaren Drang, sich beweisen zu müssen. Man kann es ihm nicht verübeln, wenngleich es einfach ist wie es ist: Der typische Student nervt jeden und hilft niemandem.

Warum sage ich so etwas? Weil ich es kann. Doch darum soll es jetzt nicht gehen – viel mehr möchte ich weiterhin offen über diese Sorte Mensch diskutieren, auf dass meine treuen Leser (und Leserinnen) aufmerksam auf ebensolche Personen werden und lernen, ihnen aktiv Steine in den Weg zu legen.

Woran erkennt man sie noch? Eine weitere typische Angewohnheit dieser Spezies ist die aktive Teilnahme an öffentlichem Gemecker über weit verbreitete Dinge – entweder einfach nur, um mitreden zu können; oder – viel schlimmer! – weil einem alte Gewohnheiten oder Vorteile genommen wurden. Zum zweiten Teil komme ich gleich noch, beginnen wir zuerst mit einem prominenten Beispiel zu ersterem. Nehmen wir: Facebook. Dieses soziale Netzwerk ist eine wahre Goldgrube für den typischen Studenten: Es gibt immer wieder böse Beiträge in den Medien, da kann man also einfach aufspringen und mitwettern. Sobald der typische Student eine beliebige Meldung über Facebook sieht – ganz egal, wo, wie, wann, in welcher Form – überkommt ihn das unaufhaltbare Verlangen, immer – IMMER!-  den folgenden Kommentar (sinngemäß verändert natürlich) unter die Meldung zu schreiben:

“Ich habe auch schon überall gelesen, dass Facebook bedenklich ist, und möchte mich nun als intelligenten, aufgeklärten Menschen präsentieren, indem ich mich öffentlich negativ über Facebook äußere. Ich betone gesondert, dass ich meinen Account schon lange gelöscht habe; und ohne [das neue Feature o.Ä.] getestet zu haben, meckere ich präventiv darüber, wie Facebook jetzt (wie jedes Mal) endgültig einen Schritt zu weit gegangen ist.”

Wollt ihr einen solchen Studenten mal so richtig leiden sehen? Ein SAW-artiges Spiel mit ihm spielen? Dann setzt ihn vor einen PC, auf dessen Monitor gerade ein Testbericht zur neuen Facebook-App oder ein Artikel über ein neues Feature von Facebook steht, loggt ihn sogar schon mit seinen Accountdaten ein – und dann stöpselt die Tastatur aus. Seht dabei zu, wie er anfängt zu zittern und zu schwitzen, wie ihn die extremen Entzugserscheinungen peinigen – weil er nicht, wie schon 50 Leute vor ihm, den Standardkommentar unter den Artikel setzen kann. Ein Heidenspaß! Aber Achtung, er wird dann aggressiv und beginnt, umher zu laufen und jeden in der Nähe befindlichen Menschen in eine Diskussion zum Thema ( und natürlich nur ebendiesen Standardfloskeln) zu verwickeln. In Deckung!

In diesem Augenblick fällt mir dazu übrigens auch der Veganer-Mönch ein. Es gibt zahlreiche Varianten von sich fleischlos ernährenden Menschen – jeder mit seinen eigenen Gründen. Schmeckt nicht? Alles klar. Allergie? Sowieso. Ich mag die lieben Tiere? Na ja, also von mir aus. Aber. Aber solche, die das folgende Argument bringen, die kann ich wirklich nicht ernst nehmen: “Ich verzichte auf Fleisch (und schlimmstenfalls sogar sämtliche tierischen Produkte), weil man das nicht braucht. Früher vielleicht mal, aber in der heutigen Gesellschaft gibt es genügend Alternativen und es ist nicht mehr notwendig, Tiere zu schlachten oder auszunutzen.” Dieses Argument – klingt durchaus sinnvoll. Außer, man liest es auf Facebook mit der Anmerkung “gesendet via iPhone”. Also, mal ein verdeutlichendes Beispiel: Wenn du, lieber Veganer, ein Mönch wirst. Alle deine irdischen Güter ablegst. In einem Kloster lebst, allein in Arbeit und Gebet. Wasser und Brot deine Nahrung sind. Dann – und nur dann – würde ich dir dieses Argument gelten lassen. Ich würde dich sogar loben, für dein Durchhaltevermögen – du versuchst wirklich, etwas zu ändern.
Aber die Leute, die mir dieses Argument vortragen, leben nicht im Kloster. Nein, sie leben hier in der Großstadt. Ich treffe sie morgens in der Bahn, wie sie auf ihrem Smartphone Online-Spiele spielen und sich Fotos von Katzenbabies ansehen. Sehe ich sie mir an, sehe ich Adidas-Schuhe und Hollister-Kleidung. Eine modische Brille und gefärbte Haare. Alles das gehört für sie als fester Bestandteil zum Leben dazu. 5000 Luxusgüter begleiten sie durch jeden Tag – aber eines davon, das Fleisch – nein, also das braucht ja nun wirklich niemand mehr heutzutage. Ja, das klingt für mich nach einem logischen Argument.

Kommen wir nun zum vorhin bereits erwähnten zweiten Teil. Weit schlimmer als das Nörgeln über Mainstream-Ziele ist das Klagen über den Verlust von unlauteren Vorteilen. Auf deutsch: Man bekommt etwas geschenkt oder hat in anderer Weise einen Vorteil, was nicht geplant war. Irgendwann fällt dieser Fehler dann auf und wird korrigiert. Jetzt läuft alles so, wie es geregelt laufen sollte – und schon geht das allgemeine Volk auf die Straße. Ebenfalls ein aktuelles Beispiel gefällig? Bleiben wir doch gerade im Themenbereich Internet & Kommunikation und nehmen: WhatsApp. Ich meine damit jetzt nicht die Sicherheitsbedenken – “Hilfe, Terror-Hacker können lesen, wann ich mit meinen Freunden Kaffee trinken gehe! Und sie können sich sogar als mich ausgeben und den Termin ändern! Zu Hilfe, edler Staat!” – nein, ich denke da an etwas ganz anderes: Geld.
Ihr erinnert euch: Der riesige Aufschrei – WhatsApp wird kostenpflichtig! Von Abzocke war die Rede, auf jeder nur erdenklichen Internetseite in diesem Bereich wurden die X besten Alternativen zu WhatsApp vorgestellt und die Bewertungen im Play Store sanken ins Bodenlose. Aber warum eigentlich? Weil es jetzt was kostet. Und das ist voll gemein. Geldgeile Firma. Voll mies, ey.
Oder?
Es ist ein wundervolles Beispiel. WhatsApp selbst schreibt sowohl in seiner Beschreibung als auch der App selbst und sogar bei Registrieren einer Nummer, dass dieser Service für genau ein Jahr lang kostenlos ist und im Anschluss eine Abo-Gebühr verlangt – zum Preis von maximal zehn SMS oder zwei Brötchen. Warum sind also plötzlich alle so überrascht? Weil WhatsApp diese Ansage lange Zeit nicht wahr gemacht hat. Alle User bekamen gelegentlich mal die Meldung “Ihr Account wurde verlängert” und das hielt dann wieder ein paar Monate. So ging es über Jahre hinweg. Hier also unser Punkt: Die User hatten einen Vorteil, der gemäß den Geschäftsbedingungen nicht hätte existieren dürfen. Und was macht der allgemeine User? Lobpreist er WhatsApp dafür? Ist er glücklich, diese Lücke im Gesetz ausnutzen zu können? Nein, er sieht es als normal an. Als so normal, dass dann, als diese Lücke geschlossen wurde und einfach nur das passierte, was dem Benutzer schon seit Anbeginn seines Verhältnisses zu WhatsApp klar war (wenn er des Lesens mächtig gewesen wäre, versteckt war diese Info jedenfalls nicht!), plötzlich alle den Drama-Blick aufsetzten und den Entwicklern düstere Machenschaften und eine verachtenswerte Politik unterstellen. Ist aber auch schon krass, dass man für ein komplett werbefreies Programm, dass jeder jeden Tag unzählbar oft benutzt, fast 80 Cent im Jahr bezahlen muss.  Schon heftig.

Fassen wir also zusammen: Besonders nervig sind solche Menschen, die ungeplante Vorteile für sich ausnutzen, diese aber als normal ansehen und dann, wenn wieder Normalität eingekehrt ist, böse über das Ende ihrer Ausnutzung wettern. Verständlich, natürlich – das will ich gar nicht bestreiten – aber, im Ganzen betrachtet, vollkommen bescheuert.

Doch halt: Es geht noch schlimmer. Der eine Vorteil am Studenten ist dieser: Der typische Student ist nicht jener, der Erziehungswissenschaften studiert. Mit ebensolchen angehenden Pädagogen hat meine Wenigkeit unglücklickerweise sehr viel zu tun. Viele meiner Bekannten verstummen in meiner Gegenwart, wenn sie über Pädagogen lästern – keine Sorge, macht ruhig weiter damit. Ich werde einsteigen. Die Kombination aus dem typischen Studenten und dem angehenden Pädagogen ist tödlich.
Diese Personen, im Original “Drama-Seeker” genannt, verbinden den Drang zur Aufmerksamkeit mit Hilfe von Gemecker mit dem Glauben, Gottes Geschenk an die Menschheit zu sein und den perfekten Durchblick in ihrem Fachgebiet zu haben. Soll heißen: Diese Personen denken, dass all die Fachbücher, die sie gelesen haben, etwas gebracht hätten. Sie denken, dass ihr aufmerksames Zuhören in den Vorlesungen und Seminaren tatsächlich ihre Kompetenz erhöht hätte. Nun, in Bereichen wie Jura oder Physik mag das ja durchaus funktionieren. Nicht jedoch in der Pädagogik! Ein Kind ist kein physikalischer Gegenstand oder ein Tatbestand nach festen Regeln – nein, jedes Kind ist anders und muss stets zu Teilen improvisativ und offen betrachtet werden. Ich selbst habe ein Jahr mit Kindern gearbeitet und auch sonst sehr viel Erfahrung mit deren Umgang – genug, um zu wissen: Was man an der Uni und in Büchern lernt, ist in etwa so sinnvoll wie die Hoden vom Papst. Diese Einsicht allerdings hat man nur, wenn man selbst schon Erfahrung mit der Arbeit mit Kindern gesammelt – oder auch einfach nur logisches Denkvermögen – hat. Diese kritische Eigenschaft fehlt den meisten Student_Innen hier unglücklicherweise. Sie haben gelesen und gelesen und gelesen und sind dermaßen überzeugt, dass sie nun mit jeder nur erdenklichen Situation spielend fertig werden, dass es jedem vernünftigen Menschen hochkommt, wenn er sie beobachtet. Das sind dann echt solche, die dir vorwerfen, dein Kind schreie nur, weil du es falsch angesprochen hast. Nicht “Hör auf damit!”, also nein. Natürlich schreit es da. Man muss, um dem Kind die Situation verständlich zu erklären, von sich ausgehen und sagen: “Ich möchte, dass du aufhörst.” Dieser Fall ist übrigens auf zwei Arten wahr: Erstens existiert diese Theorie tatsächlich, zweitens traf ich tatsächlich eine Studentin, die besagte Situation mit besagter Behauptung kommentierte. Ich freue mich so wahnsinnig darauf, wenn sie ihr Studium abgeschlossen hat, in der Praxis zum ersten Mal in ihrem Leben echte Kinder sieht und katastrophal versagt. Wie sie heulend in der Ecke kauert, von allen Kindern fertig gemacht wird und nur zuckend, mit leeren Augen, katatonisch vor sich hin wimmert: “Ich möchte, dass du aufhörst. Ich möchte, dass du lieb bist. Ich möchte….” Schon komisch, dass es so viele Burnout-Fälle in der Pädagogik gibt. Die haben sich doch vorher alle so toll vorbereitet!

Jedenfalls hatte ich erst vor wenigen Tagen die Ehre, in einem Seminar in einer Gruppe mit einer sogenannten “Drama-Schnüfflerin” sein zu dürfen. Warum heißen die eigentlich so? Das liegt daran, dass auch sie – wie der typische Student – den Drang haben, sich als hochqualifiziert beweisen zu müssen. Diese Wesen sehen überall und sofort ganz, ganz schlimme Fälle. Hier eine Misshandlung, da eine schwere Störung, dort eine schlimme Kindheit. Sofort werden Anzeichen erkannt – so gering, dass niemand sonst sie erkennt. Das zeigt, wie wahnsinnig clever und fachkenntlich sie ist. Tjaja.
Solch eine Dame hatte ich also in meiner Gruppe. Wir sollten Fachberatungen üben, so meldeten sich einige Studenten und stellten diverse Problemfälle vor. Einer dieser Fälle wurde als ‘schwere Essstörung’ bezeichnet – klang interessant, so wurde dies meine Gruppe. Und was kam? Ein Kind von fünf Jahren isst nur trockenes Essen. Nur Nudeln – ohne Soße! Nur Brot – ohne Belag! Woah. Für einige von euch mag das vielleicht alarmierend klingen, aber wer sich ein wenig mit Kindern auskennt – dafür reicht oft schon ein kleines Geschwisterchen oder gar nur die eigene Kindheit – weiß: Das ist völlig normal und bei vielen Kindern so! Also nix mit ‘schwere Essstörung’. Die Drama-Seekerin  rudert also verunsichert zurück – schon blöd, wenn drei Viertel der Gruppe dich doof ansehen und fragen, wo denn das Problem sei. Doch natürlich belässt sie es nicht dabei! Auf jede Frage bringt sie eine Antwort, die zwar nicht verfänglich ist – clever! – aber trotzdem ganz deutlich in Richtung ‘ganz, ganz schlimm’ driftet. Im Grunde genommen gibt sie also die ganze Zeit mehr als nur deutliche Vorlagen und hofft, dass andere ein erschrockenes Gesicht machen und sich panisch hochschaukeln. Manche können das besser, manche schlechter – aber was diese spezielle Person schon für Aussagen gebracht hat! Ein typisches Beispiel, bei dem die Diskussion eigentlich längst als beendet gezählt werden kann: Die Frage war, ob das Kind denn dann überhaupt genug isst. Die Antwort darauf: “Ja, es findet aber halt immer etwas. Wenn mal nichts da wäre, dann bin ich mir schon sicher, dass es nichts essen würde!” Gleich darauf die nächste Frage, wie denn der Vater aussehe. Die Antwort ähnelt der vorigen: “Ähm, also, na ja….. Also ich finde ja, schon irgendwie krank!”  — Genau das meinte ich mit ‘nicht verfänglichen’ Antworten: haufenweise Aussagen, die leere Behauptungen ohne Grundierung sind, die aber unter solchen, die sich gerne aufregen möchten, sofort als Steilvorlage genutzt werden können. Und damit nicht genug! Als dann schließlich von allen Teilnehmern das eindeutige Feedback kam, dass es sich nicht um Essstörungen handelt, dreht die Drama-Seekerin das Ruder spontan um und erzählt davon, dass das Kind ja auch andere Probleme hätte. Das möchte immer Recht haben, ist ein schlechter Verlierer und ist oft aggressiv. Absolut einzigartig bei Jungs in dem Alter! Wirklich lachen musste ich (was mir einen sehr bösen Blick einbrachte), als sie dann plötzlich sogar behauptete, die Essstörungen seien eigentlich “nur ein Aufhänger” gewesen, um auf die tatsächlichen Probleme des Kindes hinzuweisen. Die seien ja nur eine von vielen Auswirkungen einer fehlgeschlagenen Erziehung und großer familiärer Probleme blablablarhabarbarrhababar. Echt unfassbar, was die für einen Stuss zusammenredet! Und jetzt stellt euch mal vor, irgendwann holt das Jugendamt euer Kind ab, weil es keine Soße auf Nudeln mag. Ganz ehrlich: Ich HOFFE zum Wohl aller Kinder, dass solche Personen niemals in einer pädagogischen Einrichtung arbeiten!

Mir hat vor einiger Zeit mal jemand gesagt, dass er es immer witzig fände, wenn ich mich in meinen Texten in Rage rede. Bittesehr, gern geschehen. Ich muss mich jetzt erst mal auf den Boden legen und bis zehn zählen.

Sie hörten einen Kommentar anlässlich der studentischen Vollversammlung.

 

Anmerkung: Die hier dargestellten Ereignisse basieren auf wahren Tatsachen, jedoch sei jedem erneut ans Herz gelegt, dass es sich bei diesem Text nicht um meine Meinung, sondern eine satirische Darstellung handelt. Nicht lachen, diese Verwechslung kommt immer wieder vor.