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Mrz 5

Statusmeldung

Posted on Dienstag, März 5, 2013 in Newsletter

Die mittelalte Frau steht auf, noch bevor der Bus hält. Sie steht an der Tür, klammert sich mit ihrer rechten Hand an einer Stange fest. Der Bus kommt zum Stehen. Die Tür bleibt geschlossen. Kurz fährt ihr ein eiskalter Schauer über den Rücken: Wird sie auf Ewig in diesem Bus gefangen sein? Doch schon springt ihr urdeutscher Instinkt an: Sofortige Schuldzuweisung! Im Bruchteil einer Sekunde wird aus Angst Hass. Purer Hass. Sie dreht ihren Kopf mit katzenartiger Agilität in Richtung des Busfahrers, ihre Augen funkeln. Der Bus steht noch keine zwei Sekunden, da ist in ihrem Kopf bereits das gesamte juristische Verfahren gegen den verantwortungslosen Fahrer geplant. Wenn Blicke töten könnten, wären noch in Berlin Leute zu Staub zerfallen – doch dann! Dann blickt der Fahrer teilnahmslos nach hinten und öffnet kommentarlos die Tür. Für ihn ist die Sache damit erledigt – nicht jedoch für die Frau. Ihre Aggression wird noch lange anhalten und sie wird all ihren Kolleginnen aufbrausend davon erzählen, wie sie beinahe nicht hätte erscheinen können. Sie wird die Geschichte übermäßig dramatisch ausschmücken, den Busfahrer dämonisieren und ihre eigene Rolle von völliger Teilnahmslosigkeit in heldenhafte Entscheidungsrollen umdichten. Um sie herum wird in der Kaffeepause eine schnell eskalierende Diskussion über die Unfähigkeit der Busfahrer entstehen, jeder wird etwas dazu sagen können und noch lange über die Pause hinweg wird diese eine Frau auf Grund ihrer zwanghaft negativen Grundeinstellung für schlechte Laune sorgen.
Ich sitze auf dem Platz neben der Tür, beobachte diese Frau und spiele in meinem Kopf die eben genannte Kettenreaktion durch. Imaginär schüttele ich den Kopf und tue anschließend das, was ich in solchen Fällen immer tue: Ich bin froh darüber, dass mir all solche Dinge einfach nur egal sind. Der Bus fährt weiter und ich begebe mich zur Uni; entspannt und gut gelaunt.

Lange war ich weg.
Und nein, es lag nicht daran, dass ich von Salafisten entführt und wochenlang gefoltert wurde. Ganz im Gegenteil: Es geht mir zur Zeit einfach zu gut. Und wenn es mir prima geht und ich immer etwas zu tun habe und mir nicht langweilig ist und ich nichts zu meckern habe, dann gibt es eben auch keine neuen Texte. Tragisch, aber so ist das Leben eben. A propos Salafisten: Getroffen habe ich tatsächlich welche. Haben in Frankfurt wieder Korane verteilt. Hab ich mir gleich einen geschnappt, bin zum Dom gelaufen und habe den Koran da in das Regal mit den ganzen Flyern und Prospekten gelegt. Eigentlich sollte der Islam mir dankbar sein.

Jedenfalls habe ich jetzt wieder Zeit zum Schreiben. Ich hatte ursprünglich schon seit Beginn des Jahres eine Idee, die inzwischen recht ausgereift ist — aber mir ist gerade nicht danach, und dann wird das nix. Irgendwann demnächst kommt also “Aber ich hab Fotos!”, nicht jedoch heute: Heute plaudere ich einfach ein wenig aus meinem hochgeschützten Privatleben.
Es hat sich ergeben, dass ich meinen geliebten Satz “Ich hab noch nie in meinem Leben gearbeitet” leider nicht mehr bringen kann. Ja, ich war mal ein Jahr lang im Hort beschäftigt – aber der Alltag im Hort ist einfach nicht als Arbeit anzusehen. Jetzt hingegen hocke ich im IT der Uni Frankfurt und helfe anderen Leuten bei ihren kleinen Machtkämpfen mit deren PCs. Und mal ganz ohne Klischee: Die Lösung meines ersten Falls war . . . . . . Aus- und wieder Einschalten. Aber hey, es gibt hier auch richtige Dinge zu erledigen.
Das schöne, alte Bockenheim (mehr alt als schön) zieht nun um und alles, was Rang und Namen hat, geht zum Westend. Also alle Büros, Sekretariate, Bibliotheken und so weiter. Quasi alles – bis auf die Studenten. Die haben einfach nicht alle Platz im Westend und daher werden viele Seminare weiterhin hier in Bockenheim stattfinden – was also bedeutet, dass man ab jetzt pendeln muss. Großartig! :D

So sitze ich nun hier im Büro, warte auf Anrufe oder Aufträge und vertreibe mir die Zeit mit Infectonator 2 und den aktuellen Nachrichten. Na, da sieh mal einer an: Der Papst schmeißt hin. Vermutlich hat sein Mann ihm empfohlen, den Rücktritt lieber vor der Geschlechtsumwandlung zu verkünden (sonst käme das nicht so gut, würde gar erzwungen wirken). Aber immerhin hat er jetzt mehr Zeit, mit seinen Enkeln zu spielen. Wobei, ganz ehrlich: Respekt für diesen Kerl. Offiziell zuzugeben, dass man körperlich und geistig (!) nicht mehr in der Lage ist, dieses Amt zu halten – diese Aussage fordert schon Mut. Viele Personen des öffentlichen Lebens sind geistig nicht in der Lage, den Anforderungen ihrer Position gerecht zu werden – aber nur die wenigsten haben es drauf, das auch zuzugeben. Also, Herr Papst: Meinen Respekt haben Sie. (Ganz bestimmt liest auch er meine Texte. Oder lässt sie sich vorlesen.)

Just in diesem Augenblick fällt mir eine Geschichte ein. Toll: Erst zwei Monate Funkstille und jetzt zwei gleichzeitig. Dann setze ich mich mal schnell an den Käsebrotgangster und schreibe hier dann später weiter. Was natürlich bedeutet, dass die Papstgeschichte bei Veröffentlichung dieses Beitrags schon lange nicht mehr aktuell sein wird.
Tragisch.

Die Uni zerfällt immer mehr. Die Büros werden leerer, alles wird leiser (metaphorisch. tatsächlich: überall Umzugslärm). MEIN Café hat geschlossen, kein Latte für mich. Andererseits ist es auch wieder großartig: Niemand wird gestört, wenn man Krach macht. Außerdem mussten auch wir ein paar Dinge umpacken bzw entsorgen – dabei waren zwei richtig fette Boxen. Zwei Boxen für einen großen, großen Seminarraum.

Die passen aber auch in die Buchse am PC im Büro.

Also dann: Volle Dröhnung, Nachbarn verscheucht, ran an dem Umzug.

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Man beachte den gesunden Gelbstich im Licht des alten Büros.

Man beachte das fehlen des Gelbstichs im neuen Gebäude.

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Eine kleine Geschichte. Im Mittelalter hatten die Menschen Angst. Nicht so wie heute, wo Tag für Tag Panik vor Terrorismus, Katastrophen, Krankheiten, Armut, Energieproblemen, Nachhaltigkeit, Klimawandel oder sonstigen Dingen, die uns in keiner Weise interessieren müssten. Nein, damals lag es nicht an den Medien, sondern an der Kirche: Da hat man den Menschen mit der Hölle gedroht. Jeder sei ein Sünder, jeder werde auf Ewig unter endlosen Qualen im Fegefeuer schmoren, bis ans Ende aller Tage. Und dann – dann kam ein besonders böswilliger, geldgeiler Bastard auf eine großartige Idee: Den Ablassbrief. Das funktionierte so: Man bezahlte einem höheren Kirchenmitglied, zumeist einem Bischof oder Kardinal, eine beträchtliche Summe GELD. Dann schrieb der nun bezahlte Gottesmann einen Zettel, auf dem stand: “Du musst doch nicht in die Hölle.” So konnte der arme Sündiger beruhigt nach Hausem gehen und alles war gut. Bis zur nächsten Sünde jedenfalls. Es sollte so ziemlich jedem klar sein, dass das reine Geldmacherei war, Ausnutzung des naiven Volkes, eiskalter Missbrauch des Gewissens. Ich wiederhole: Eiskalter Missbrauch des Gewissens. Hat man dann übrigens kapiert, darum ging es ja auch unter anderem in den berühmten 95 Thesen, die Martin Luther an die Schlosskirche zu Wittenberg genagelt hatte. Hat aber etwas gedauert, die Kirche kam lange damit durch. Mies, oder?

Daran musste ich denken, als ich im neuen Café saß. Wir sind jetzt umgezogen – bzw wir sind noch mitten dabei, aber ich bin ab sofort im neuen Campus unterwegs – und ich muss mein Frühstück ab jetzt in einer anderen Einrichtung verbringen. Besser: Ich muss nicht, ich darf. Ist schön hier – hell, groß, modern. Aber es gibt leider zwei kleine Probleme. Das erste: Keine Lachsbagels! Mein täglich Brot seit über drei Jahren, und sie bieten es nicht mehr an! Aber vielleicht liegt das nur am Umzug, später gibt es sie hoffentlich wieder. Aber nun das größere Problem: Das neue Café – “DaSein” – ist ein vollständiger Bio-Fairtrade-Tempel.

FFFFFFFFFFFFUUUUUUUUUUUUUUUUUUU!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Ist ja an sich erst mal nichts dagegen zu sagen.Ist ja nicht schlechter oder so – also, ja – ist es schon ein wenig. Es schmeckt nicht mehr so intensiv, es sind kleinere Portionen und das Obst ist lange nicht so schön anzusehen wie vorher. Es sind eben äußerlich und geschmacklich minderwertige Produkte, aber das ist ja bei Bio normal. Der Tee schmeckt leider nicht mehr, Cola gibt es nur noch als doppelt so teure nachhaltige Version und ein Snickers für zwischendurch wird auch nicht mehr angeboten. Doch nicht alles ist kleiner oder weniger geworden: Man bekommt zwar nicht mehr so viel, aber dafür kostet es mehr. Deutlich mehr. Großartig. Und genau dieser Moment, genau hier fällt mir die alte Geschichte mit dem Ablasshandel ein.
Die Menschen haben Angst. Giftstoffe. Ausgenutzte Arbeiter. Chemie. Legebatterien. Alles ist schlimm – und die Welt wird untergehen! Gleich morgen! Oder vielleicht für die nächste Generation, aber dann ganz bestimmt. Die Technik wird nicht fortschreiten, sondern stattdessen machen wir alles kaputt und früher oder später ist alles verloren – weil wir Fleisch essen! Aber zum Glück gibt es ja Bio-Produkte. Fairtrade. Nachhaltigkeit. Bah.

Jeder ist ein Sünder, jeder ist für unseren Planeten verantwortlich und wenn man dann billige Produkte, viel Fleisch oder gar gespritztes Obst isst, wirkt man aktiv und der Zerstörung unseres Planeten mit. Und dann – dann kam ein besonders böswilliger, geldgeiler Bastard auf eine großartige Idee: Bio-Produkte. Das funktioniert so: Man bezahlte für gewöhnliche und meistens sogar kleinere, schlechtere Produkte, eine beträchtliche Summe MEHR GELD als für genau die gleichen Produkte bisher. Dafür klebt nun auf den teureren Produkten ein Zeichen, auf dem steht: “Dieses Produkt schützt die Umwelt. Du bist ein guter Mensch.” So konnte der arme Sündiger beruhigt nach Hause gehen und alles war gut.

Was heißt denn eigentlich Bio? NICHTS! Habt ihr euch mal gefragt, warum es so viele verschiedene Bio-Siegel gibt? Weil sich einfach jeder Hersteller eigene Regeln zusammenschustert! Das eine Logo ist für faires Gehalt, keine Legebatterien und keine Pestizide. Hersteller B hat auch keine Pestizide, findet Legebatterien aber praktisch – dann kann er das andere Logo nicht tragen, aber egal: Er druckt sich einfach ein eigenes mit anderen Richtlinien. Geht mal in den Laden und seht euch um: Wie viele verschiedene Logos findet ihr? Und genau daran seht ihr, wie verlogen und doppelzynisch dieser ganze Bullshit ist. Wenn ihr mehr für Bio ausgebt, bringt euch das einen Dreck! Davon hat niemand was – außer vielleicht ein paar Bauern bei Fairtrade, dazu muss man (fairer Weise) sagen, dass hier tatsächlich etwas dahinter steckt. Aber der ganze Bio-Blödsinn? Man kauft keine besseren Produkte, man kauft sich ein reines Gewissen. Man ist dann besser als andere, weil man etwas für die Umwelt tut. Es sollte so ziemlich jedem klar sein, dass das reine Geldmacherei ist, Ausnutzung des naiven Volkes, eiskalter Missbrauch des Gewissens. Ich wiederhole: Eiskalter Missbrauch des Gewissens.

Ich denke zurück an den Anfang dieses Textes. “Ich bin froh darüber, dass mir all solche Dinge einfach nur egal sind.” Scheinbar bin ich doch nicht gefreit von negativen Einstellungen. Ich bin zynisch, ja – aber dennoch für gewöhnlich recht ruhig. Außer, es geht um die verlogene, unglaublich dreiste, sorgfältig geplante und eiskalte Geschäftsmaschinerie von Apple. Oder eben um die verlogene, unglaublich dreiste, sorgfältig geplante und eiskalte Geschäftsmaschinerie von Bio-Produkten. Hm.
Immerhin: Ich scheine mich nur über solche Dinge aufzuregen, in denen naive Menschen offensichtlich vorgeführt werden, damit andere, gewissenlose Menschen mehr Geld verdienen. Das ist doch schon mal besser als die Frau im Bus.

In diesem Sinne: Ich gehe jetzt zum Burger King. Und zwar mit einem T-Shirt vom kik. Und Schuhen, die ich vorhin einem Obdachlosen gestohlen habe. Bis später also – und

Viel Spaß noch im Leben!