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Dez 21

Butterbrot

Posted on Freitag, Dezember 21, 2012 in Newsletter

Es war Donnerstag.

Nichts wichtiges oder erwähnenswertes geschah.

 

Es war Freitag.

Nachdem ich Kaffee und Bagel verschlungen hatte, begab ich mich gemächlich in Richtung Aula. Keine Freude, keine Euphorie: Meine Autogrammstunde wurde um zwei Stunden nach vorne verschoben, sodass ich bereits um zehn Uhr aufstehen musste. Noch dazu hatte ich erst kürzlich erfahren, dass Justin Biebers Beziehung zu Selena Gomez zerbrochen war. Dies legte eine tiefe Trauer auf mein Herz, und ich lebte einige Tage in dem Glauben, ich könnte nie wieder glücklich sein. Ja, es waren nicht die schönsten Tage meines Lebens. Langsam und deprimiert watschelte ich also zu meinem Tisch. Ich sah selbstverliebt auf das große Plakat, das mein Gesicht und die Daten der Autogrammstunde verkündete. Diesmal waren die Uhrzeiten jedoch mit einem Kuli gekritzelt und schlecht mit den neuen Zeiten überklebt worden. Ich nahm Platz, legte ein paar Fotos zurecht und prüfte, ob der Edding funktionierte. Es konnte losgehen.
Wie üblich kam niemand. Inzwischen war mir das ziemlich egal; ich musste fast gar nicht mehr weinen. Pathetisch rief ich “Dann halt nicht!“ in den Raum und ließ diese Worte ein paar Sekunden wirken bis ich von der Putzfrau rausgeworfen wurde. In der Hektik vergaß meinem Stift. Der Tag war gelaufen.Auf dem Weg durch die Stadt lief in der zufälligen Playlist meines Handys nur Schrott und ich war mehr mit dem Wechseln der Lieder beschäftigt als mit dem eigentlichen Hören. Ich sah nichts interessantes und traf niemand Interessanten. Es regnete einen ekelhaften Regen, kalte dicke Tropfen, mitten ins Gesicht. Die Temperatur war zu kalt fürs T-Shirt, aber zu warm für eine Jacke. Und – das gab mir einfach den Rest – ich hatte einen Stein im Schuh. Und bei dem Regen kann ich ja schlecht stehen bleiben und die Schuh ausklopfen, zumal ich inzwischen mitten in der Pampa war. Hätte es noch schlimmer kommen können?

 

Aber selbstverständlich.

 

Wann immer ich “Schlimmer kann es echt nicht werden!” denke, interpretiert irgendjemand mit Kontrolle über mein Schicksal diesen Satz als Herausforderung. So sehe ich, noch bevor ich zuende gedacht hatte, plötzlich zwei grinsende Gestalten vor mir. Ein Grinsen der Marke “Wir möchten mit Ihnen über Gott sprechen”, ein optimistisches, erwartungsvolles Lächeln. Ich ahne übles.

“Das sind doch Sie, nicht wahr?” – oha. Ich werde zwar oft mit George Clooney, Brad Pitt oder Britney Spears verwechselt, aber diese beiden Gestalten scheinen mich tatsächlich zu kennen. Was würde mich nun erwarten? Vorsorglich hole ich tief Luft und beginne mit einer auschweifenden Aufzählung: “Mag sein. Für den Fall, dass Sie sich durch einen meiner Beiträge, Kommentare, Texte, Vorträge oder andere Form der Kommunikation beleidigt fühlen, so möchte ich auf mein Recht zur freien Meinungsäußerung hinweisen. Sollten Sie stark religiös, im schlimmsten Fall sogar jüdisch sein, tut mir das aufrichtig Leid, aber auch hier steckt kein böser Wille dahinter: Ich bin selbst religiös, Sie dürfen mir also nichts tun. Sollten Sie einem homosexuellen Lebensstil frönen, bin ich bestimmt nicht der Einzige, der sich darüber lustig gemacht hat. Leiden Sie unter einer Behinderung, so mache ich nur Witze über Sie, um Sie tatsächlich genau so zu behandeln wie alle anderen auch, das wollen Sie doch immer. Sind Sie vielleicht Ökotunte und Vegetarier oder, noch schlimmer, komplett frei von tierischen Produkten, so ist es in diesem Fall mein gutes Recht und aus darwinistischer Sicht sogar meine Pflicht, sie als lachhaft darzustellen. Finden Sie meine Bemerkungen über Apple unpassend oder gar irreführend, so muss ich Sie leider darauf hinweisen, dass diese Firma gerade ganz gewaltig abkackt und die ach-so-tollen Aktien in den letzten Monaten schon ein Drittel ihres gesamten Wertes verloren haben, was ja irgendwie zeigt, dass ich schon vor Jahren mit meiner Prognose Recht hatte. Sind Sie muslimisch und haben den Auftrag erhalten, mich auf offener Straße zu Tode zu foltern? Das können Sie gerne machen, beachten Sie aber bitte, dass heute jeder der hier umstehenden eine Handykamera besitzt und das ein schlechtes Licht auf Ihre Gemeinschaft werfen könnte. Haben Sie einen Migrationshintergrund und fühlen sich ungerecht behandelt? Sie sind Zeuge Jehovas und hassen mich aus diversen, verständlichen Gründen? Kombinieren Sie vielleicht sogar mehrere der von mir genannten Eigenschaften? Sind Sie Fabrikant von Brathähnchentüten oder Hundefutter? Haben Sie…” — Die Augen der mir Gegenüberstehenden funkeln immer mehr. Doch nicht vor Hass und Abneigung – nein, vor Freude! Nach einigen Minuten der Aufzählung unterbricht mich einer von ihnen mit den glückseligen Worten: “Er ist es!”. Und damit begann unser Gespräch.
“Sie sind… Carstiboy?” – “Siezen und Spitzname. Klingt irgendwie komisch.” – “Irgendwie! Siehst du, er schreibt es nicht nur, er sagt es auch ständig!” – “Danke, dass Sie mich noch mal darauf hinweisen. Was wollen Sie von mir?” Nun kam die Frau zu Wort. “Wir haben Sie heute morgen in Bockenheim gesucht, mussten dann aber lesen, dass Ihre Autogrammstunde heute zwei Stunden früher war! Wir wären so gerne gekommen”, log sie mir eiskalt ins Gesicht. “Also Ihre Texte, da sind wir ja neulich drauf gestoßen, und Sie…” – “…haben wohl ein ganz schön schlechtes Gewissen, nicht wahr?”, fiel ihr der Mann ins Wort. Etwas unfreundlicher, diesmal. “Kann ich mir vorstellen. Das ist ja ungeheuerlich, was Sie da…” – nachdem ich einen Schritt zurückgetreten war, unterbrach die Frau mit viel freundlicherer Stimme den Ausbruch ihres Mannes. “Verzeihen Sie bitte. Er ist etwas aufgebracht, wegen dieses einen Textes. Sie wissen schon.”

 

Oh shit.

 

Es ist nicht der Fakt, dass sich dieser Typ über einen meiner Beiträge aufzuregen scheint. Es ist der fiese kleine Teil “Sie wissen schon”. Wenn eine Frau diese Andeutung macht, hast du als Mann verloren. Nur wenige zählen zu den Glücklichen, die auf Sätze wie “Fällt dir an mir etwas auf?”, “Du hast noch gar nichts dazu gesagt” oder “Du hast es doch nicht vergessen?” eine ungezwungene, natürliche Antwort gefunden haben. Jetzt also zusammenreißen und demonstrativ gefasst und sicher antworten.“Ja-ha, die Globaldomination. Das war schon eine witzige Idee, dass ich durch diesen Öko-Kram die Welt an mich reiße… Aber das war ja nur…” – “…eine satirische Kurzgeschichte. Wir fanden es nur etwas unnötig, dass Sie Ihren besten Freund töten ließen, so etwas muss doch nicht sein.”
“Gerade, wenn Ihnen das gefallen hat, kann ich natürlich verstehen, dass sie den zweiten Freitag, der 13.-Text nicht mochten. Ich versprach etwas neues für Ende 2012 und habe es noch nicht mal im Ansatz geschafft, dass…” – “…werden Sie bestimmt noch nachholen. Lassen Sie sich lieber Zeit, statt nur schnell alles rauszuhauen. Sie haben ja schließlich auch schon seit über einem Monat keinen neuen Text mehr geschrieben, das macht doch nichts.”
“Natürlich nicht, das wollte ich auch gar nicht sagen. Sie sind wohl verstimmt durch die Tatsache, dass ich diesen Koran aus der Moschee…” – “Eine gute Aktion! Es geht ja gar nicht, dass diese ganzen Kana…” – “ERWIN!”, kreischte die Frau. Zum ersten Mal hatte ihr Mann meine bisher vergeblichen Erklärungsversuche unterbrochen, und offenkundig waren die fernöstlich-orientierten Texte auch nicht das Problem. Langsam kam ich ins Schwitzen. Ach ja, genau: Der GZSZ-Text! Bestimmt hatte die Frau etwas gegen diesen. Weil ich der intellektuellen Tiefe dieser Sendung nicht ausreichend gerecht geworden bin. Doch noch während ich Luft holte, nahm mir die Frau schon alles vorweg: “Und wenn Sie nun alle Ihre Texte des vergangenen Jahres durchgehen möchten, so kann ich Ihnen schon jetzt sagen: Nein, auch “Lichtblick” hat uns nicht gestört. Im Gegenteil, wir fanden die versteckte Botschaft sehr süß von Ihnen.” Verdammt. Sie hatte meinen Plan durchschaut. (Erwin zwar scheinbar noch nicht, seinem  Gesichtsausdruck nach zu urteilen, aber das war irrelevant.) Konnte ich die Nummer trotzdem weiter durchziehen? Den [H]OUSE-Text meinten die beiden wohl kaum, und auch weder mit vielen bunten Bildern noch die bebilderte Reise durch Burgholzhausen hatten Inhalte, die erwähnenswert provokativ gewesen wären. Was hatte ich denn noch so alles ausgefressen? Oh. Stimmt ja. Wie konnte ich das nur vergessen…

 

“Jetzt hab ichs! Sie kommen bestimmt von ______, von Ihnen habe ich die Trockenfleischwürfel! Wenn Sie das Hundefutter zurück haben möchten, es liegt noch bei mir im…” – “Sie haben das wirklich getan?!”, fragt mit Erwin mit großen Augen. “Nun, ich… ich hab ein Video davon gemacht?”, gebe ich fragend zurück. “Ach so, oh, das haben wir nicht gesehen, wissen Sie, unsere Tochter, die druckt uns Ihre Texte immer aus. Wir haben keinen Computer. Erna, hab ich immer gesagt, Erna, ich glaube nicht, dass sich das Internet durchsetzt.” – “Und Ihre Tochter druckt Ihnen immer alles aus?” – “Ganz genau. Sie ist so ein kluges Mädchen! An meinem Geburtstag wollte sie mir sogar Google runterladen, aber ich habe ja gar keinen CD-Spieler.” Ich genieße in meinem Kopfkino einen Kurzfilm über die maßlose Intelligenz dieser Familie und ihrer Tochter, bis ich mich wieder zurück an meine eigentliche Aufgabe erinnere: Der Sammelhaufen. Bestimmt haben Sie in dieser Sammlung etwas gefunden, was mit ihren moralischen Vorstellungen nicht vollständig vereinbar war. Doch auch meine Anfrage darauf wurde abgewiesen. Langsam wurde es echt eng! “Haben Sie vielleicht einen geliebten Menschen verloren? Hat Sie mein Text über den nächtlichen Besuch verängstigt? Wenn ja, tut mir das aufrichtig Leid. Ich weiß vorher nie, was ich schreiben werde, und war am Ende selbst total überrascht, dass so etwas daraus wurde… Ich wollte damit wirklich niemanden ängstigen, das tut mir Leid.” – “Hä? Ängstigen? Ich hab des Teil eh net verstanden”, klärt mich Erwin auf. Na toll. Ich habe schon fast eine halbe Stunde an dieses Pärchen verschwendet, und die einzige Reaktion darauf gleicht der eines Butterbrotes. Bleiben nur noch zwei Texte – und dass dieses Pärchen keine mittelalterliche Religion durchleben, sah man deutlich an Erwins früherer Reaktion und außerdem an der Tatsache, dass seine Frau frei herumlaufen durfte. Blieb also nur noch einer: “Sie sind die Designer der Brathähnchenverpackungen und fühlen sich veralbert. Das kann ich verstehen, schließlich habe ich Ihre Tüte ziemlich lächerlich gemacht und…” – “Junger Mann, Sie verstehen gar nichts. Sie haben uns nicht beleidigt. Sie haben nur im ganzen Internet über unsere liebe Tochter gelästert! Und das war nicht sehr nett.”Ich habe über die Tochter gelästert?! Ich habe zwar mehr gelästert als eine durchschnittliche Gruppe Teenagermädchen während einer großen Pause, aber ich habe niemals über eine spezielle, einzelne Person…

 

*tick.*

*tack.*

 

…nein! Das kann unmöglich… Oh mein Gott. Vor mir stehen zwei ältere Personen, die den großen Fehler begangen, ein Kind in die Welt zu setzen. Als wäre es gestern gewesen, blitzt vor mir dieser eine Nachmittag auf. Zeilgalerie. PizzaHut. DIESES. EINE. MÄDCHEN.

 

Ich hole Luft.

 

“Ihre Tochter? Das war Ihre Tochter? Dieses eine, so unermesslich unsagbar dämliche Stück verschwendetes Menschenmaterial? Sie sind dafür verantwortlich, dass diese bodenlose Frechheit, dieser unendlich starke Magnet für Dummheit durch Frankfurt läuft? Dieses schwarze Loch der Intelligenz? Unfähig, auch nur einen anspruchsvollen Gedanken zu fassen? So abgrundtief unterbelichtet, dass selbst meine Eloquenz selbst in Kombination mit meinem ausgeprägten, reichhaltigen Wortschatz nicht mal im geringsten Maße auch nur im Ansatz dazu fähig ist, diesen Zustand zu beschreiben?!” – “Vorsicht, junger Mann. Ich kann auch anders.” – “Ja, wie denn, bitteschön? INTELLIGENT? DURCHDACHT? CLEVER?” – schnaubend, rot angelaufen und wild umherfuchtelnd stand ich vor dem Ehepaar, von umherstehenden Passanten unsicher begutachtet. Mein Ausbruch wurde jäh unterbrochen, als ein stattlicher Mann auf einem weißen Pferd durch die Zeil geritten kam. Er galloppierte schwungvoll an mir vorbei, sodass ich einen Bogen auf seinem Rücken erkennen konnte. Aber das war mir in diesem Augeblick vollkommen egal. Ich lästerte weiterhin lauthals über die besagte Tochter, da in mir nun Stück für Stück alle Erinnerungen wieder hoch kamen. Ich konnte mich nicht mehr halten und ließ all meinen Frust über die Verkommenheit der deutschen Jugend an dem armen Ehepaar aus. Als kurze Zeit später ein weiterer Reiter durch die Fußgängerzone ritt, sah ich ein Schwert in seiner Hand und dachte, es gäbe wohl einen Mittelaltermarkt oder etwas in der Richtung. Schnell waren die Pferde samt Zubehör vergessen und ich spuckte Gift und Galle. So sehr in Rage war ich, dass mir der dritte Reiter gar nicht auffiel, wie er auf seinem schwarzen Pferd an mir vorbeigeritten kam. Hätte ich ihn beachtet, wäre mir eine Waage in seiner Hand aufegfallen. Doch meine Aufmerksamkeit galt einem ganz anderen Ereignis. Dann nämlich kam SIE.

 

Wie sie vor mir stand, fiel alles in mir auseinander. Mindestens drei Sorten Haare auf dem Kopf, gefärbt, Extensions, Strähnchen, undefinierbare andere Teile verflochten und reingekleistert. Eine dicke Hipster-Brille, ein Baseballcap weit über dem Kopf, schräg, mit dickem Aufkleber vorne drauf. Ihr Gesicht verbarg sie unter einem guten Zentner Schminke, ihr Blick sagte mehr als RTL in einer ganzen Woche. Alles an ihr glitzerte, funkelte, wackelte, dass ich wahnsinnig wurde. Ich zeigte mit dem Finger auf sie und begann: “Du!” – doch, wie ich es inzwischen gewohnt war, wurde ich auch diesmal unterbrochen, als der vierte Reiter vor mir stand. Von seinem verwesenden Pferd sah er auf mich herab und sprach: “Hi, Carsten.” – “Hey, Tod. Wieder viel zu tun?” – “Du glaubst gar nicht, wie viel. heute wird ein langer Tag.” Erst jetzt begriff ich. Das Wiedersehen mit meinem alten Kumpel hatte mich kurzfristig etwas beruhigt, doch dann wurde mir schlagartig die Tragweite seiner Worte bewusst. Es war der 21. Dezember. Dieser eine Freitag. Was hatten wir gelacht und uns über die Paranoia lustig gemacht, die viele naive Idioten in Panik versetzt hatte — und nun waren sie alle hier: Eroberung, Krieg, Hungersnot und Tod. Die vier Apokalyptischen Reiter trabten langsam im Kreis um mich herum und blickten bedrohlich auf mich herab. Schließlich ergriff Krieg das Wort: “Tod! Wir… müssten dann langsam mal… ne?” Der Anführer auf seinem weißen Ross ergänzte: “Stell dir mal vor, wie peinlich das wäre – da wird das fünfte Siegel gebrochen, und wir sind noch nicht fertig!” Da bäumte des Todes Pferd sich auf, und sein Atem strömte den unverwechselbaren Gestank der Verwesung aus. So begann es.

 

Die Menschen um mich herum zuckten kurz zusammen. Nach und nach änderten sich ihre Gesichter, sie waren von Hass und Zorn erfüllt. Einige schrien auf, dann gingen alle aufeinander los. Man hörte überall Geschrei und Schlachtrufe, als die Menschheit begann, sich gegenseitig auszurotten. Ich stand auf dem Brunnen und schoss Fotos, bis mir klar wurde, dass ich sie eh nicht weiter verwenden konnte, und so steckte ich das Handy weg und sah einfach nur zu, wie sich die Welt in den Abgrund stürzte. Der Tod ritt durch die Menge und nahm einen nach dem anderen mit sich. Die Straßen waren rot voll Blut und glühten vor all dem Hass und Leid. Dann jedoch kam SIE.

 

Ebenso, wie sie schon mich total aus dem Konzept gebracht hatte, spielte sie nun ihre Rolle erneut. Oscarreif. Dieses Mädchen — hatte einfach keine Ahnung, was eigentlich geschah. Die Reiter versuchten, auch über sie zu herrschen – doch wie übernimmt man den Verstand eines Menschen, wenn er keinen hat? Wie kontrolliert man seine Gedanken, wenn keine fließen? Mit dem Gesichtsausdruck einer weidenden Kuh stand sie da und kaute schmatzend einen Kaugummi, während sie abwertend auf das Gemetzel in den Straßen sah. Krieg und Eroberung blickten verwirrt drein, doch Tod ergriff die Initiative. “Komm!”, sprach er mit mächtiger Stimme. “Komm in mein Reich!” Und so ritt der Tod auf sie zu, schwebte von seinem Pferd und verschlang sich selbst und die uns inzwischen gut bekannte Dame in einer dichten Wolke aus schwarzem Nebel.

 

Es vergingen quälend lange Sekunden. Ich hatte den Tod beobachtet, er berührte Leute und sie fielen zu Boden. Warum dauerte das bei ihr so lange? Was geschah in diesem Nebel? Plötzlich explodierte ein helles weißes Licht aus der schwarzen Wolke, hell erstrahlte die ganze Stadt; und nur den Tod hörte ich schreien: “RAAAAAAHHHHHHH!!! WAS BIST DUUU?????” Die schwarze, wabernde Masse verschwand, der Tod taumelte zurück – und Frl. Ahnungslos saß mit unsagbar dummen Gesichtsausdruck auf dem Boden. “Waaas, du Spast?” sprach sie in einer Stimme und Betonung, dass ich fast weinen musste. Der Tod torkelte durch die Straßen, an vielen Stellen des Körpers war er aufgeplatzt und strahlte Licht in nach allen Seiten aus. “Duuuu….. bist……. zu dumm… zum… Sterben!………Ich habe versaaaaaaaa……” *plop*

 

Mit diesem leisen ‘plop’ verpuffte der Tod. Ich hätte da schon etwas größeres erwartet, aber so war es eben. Die anderen Reiter starrten angsterfüllt auf die Stelle, an der bis eben noch ihr Vierter stand – als auch sie begannen, sich aufzulösen. Nach nur wenigen Sekunden war es vorbei: Die Reiter hatten sich allesamt selbst zerstört, die Menschen verloren ihren Zorn und wurden wieder normal. Die Welt war gerettet. “Duu… du hast uns gerettet!”, sprach ein Mann dankend in Richtung des immer noch verdutzten Mädchens. “Du hast die Apokalyptischen Reiter besiegt!” – “Ey, deine Mudda is Apoklatypisch, vallah!”, kommentierte sie ihren Sieg. Selbst in diesem Augenblick konnte ich mich noch über sie aufregen, aber ich hielt mich dieses eine mal zurück.
Da tat sich der Himmel auf.

 

In einem hellen Leuchten schwebte ein Mann auf den Boden. Er trat aus dem Licht ging auf das Mädchen zu – da erkannte ich ihn! Vor mir stand Mohammed. Er sah ganz anders aus, als ich erwartet hatte, doch er war es zweifellos. Als er vor dem Mädchen stand, sah er sie an und sprach:

مرة أخرى في المرأة، المطبخ!

Mit diesen Worten drehte er sich zu mir, schritt er in meine Richtung und wollte gerade anfangen zu sprechen, als ich ihm das Wort nahm: “Ich kann kein Arabisch.” Er nickte kurz und sprach in akzentfreiem Deutsch: “Dein Werk hat dieses Weib hier her gebracht. Dein Werk hat die Welt gerettet und Millionen Gläubige vor dem Tod bewahrt. Ich bin dir zu tiefem Dank verpflichtet. Was wünschst du?”
Verdutzt stehe ich da. Vor mir steht Mohammed. Und dankt mir. Auf der Liste der unmöglichen Dinge steht das noch vor “wertige Mahlzeit ohne Nudeln oder Fleisch” und “Spielspaß im Multiplayer”. Ich überlege kurz, was ich schon immer wollte. Natürlich liegt mir der übliche Wunsch auf der Zunge – aber plötzlich fällt mir etwas ein, was noch tausend Mal besser ist, als Weltherrschaft. Ich stelle mich neben Mohammed, grinse euphorisch, ziehe mein Handy aus der Tasche und mache ein Foto.

 

~

 

Fantreffen

Ich durfte ihn nicht berühren (daher die Hover-Hand) und musste ihn unkenntlich machen, aber hey - das ist doch schon mal ein Anfang.