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Okt 23

Tiere sind auch nur Menschen.

Posted on Dienstag, Oktober 23, 2012 in Newsletter

Es ist immer wieder ein magischer Augenblick, dieses Schauspiel der Natur bewundern zu dürfen – wenn man einen kleinen Schluck Milch in eine Tasse schwarzen Kaffee gießt und sich die plastischen Wolken im schwarzen, scheinbar schwerelosen Raum verteilen. Hach.

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Als ich kürzlich ein Brathähnchen aß, hatte ich einige Minuten lang (mangels Alternativen) die Gelegenheit, auf die Verpackung zu starren und eine absurde Menge an philosophischen Gedanken daran zu verschwenden. Geziert wird die geschweißte, fettundurchlässige und temperaturspeichernde Hülle durch ein Huhn mit Schürze, das den gedachten Inhalt präsentiert.

 

Nun ist es natürlich nicht weiter zu erwähnen, dass ein Huhn etwa keine Finger am Ende der Flügel hat. Auch ist es einem beschnabelten Lebewesen nicht möglich, zu lächeln. Doch Details solcher Art fallen mehr in die Kategorie künstlerische Freiheit bzw. cartoonhafte Anpassungen. Aber zwei Dinge wundern mich dann doch: Zuerst natürlich die unterste Grundidee überhaupt. Warum sollte ein Huhn (bzw. dem Kamm nach ein Hahn) stolz ein Brathähnchen präsentieren? Eine entstellte, verstümmelte, im wahrsten Sinne abgeschlachtete – und köstlich gewürzte! – Version seiner selbst? Erinnert mich etwas an den flachen Witz “ich hab einen Freund zum Essen mitgebracht”. Denkt doch mal darüber nach: Ein lächelndes Schwein trägt auf seinen Schultern ein knusprig gegrilltes Spanferkel? Nemo reicht euch mit seiner gesunden Flosse ein köstliches Sushi? Oder ein Bulle kommt auf euch zugerannt, nur um knapp vor euch schlagartig zu bremsen und ich lächelnd ein saftiges Steak zu servieren? Na ja. Etwas absurd, aber natürlich schon verstündlich. Gibt ja beim Bäcker auch Bilder von lachenden Brötchen, die förmlich “Friss mich!” schreien.

Während ich mir die Packung weiter ansehe, wird mir spontan eine Auffälligkeit der Rechtschreibung bewusst. GRiLL’ Hähnchen. Warum das Apostroph? Mir fällt wirklich absolut kein Grund dafür ein, der sich irgendwie über weniger als fünf Ecken quergedacht erstreckt. Warum ist das i klein? Grillen als Teamarbeit, “there is no ‘I’ in Grill”? Unwahrscheinlich, weil absurd zu erklären: “Kein I wie ich, weil I ja immer groß geschrieben wird und deshalb das i in GRiLL absichtlich extra als Kleinbuchstabe…..” – ne, selbst für mich zu weit hergeholt. Aber gucken wir mal weiter: “sAftig KnUSprig ZART”. Warum? Soll das eine versteckte Botschaft sein? AKUSZART? Oder andersherum, “sftignprig”? Das geht über die Lippen wir Frittierfett… Sinn? – Nebenbei bemerkt: Darüber wollte ich gar nicht schreiben, es fiel mir erst auf, als ich diesen Absatz begann. Aber es ist tatsächlich interessant, welche Intention wohl dahinter stecken mag. Auch nach Zufall sieht es mir nicht aus – erst einer groß, dann drei, dann alle (vier)? Wenn das echt per Zufall entstanden sein soll, ist es nicht sonderlich gut durchdacht. Ich spiele gerade mit dem Gedanken, diesen Text an die Hersteller der Tüte zu schicken. Mal sehen, ob ich sie finde. Wie dem auch sei: Zurück zu meinen ursprünglichen Gedanken.

Was mich an dem Hahn (der, der lächelt) aber am meisten irritiert hat, ist seine Größe. Dieser kannibalistische Grinsepsycho hält ja nicht nur einen gebratenen seinesgleichen in der Hand – er ist zusätzlich gut drei Mal so groß! (Beim Vergleichen nicht vergessen, dass der/die Gebratene aufrecht mit Kopf und Füßen etwas größer wäre.) Das macht die Sache für mich noch weitaus erschreckender. Da kommt also ein Hünchen von gut einem bis anderthalb Metern Größe auf uns zu (da fehlt auch nicht mehr viel bis zu mir…) und serviert uns grinsend ein Backhändl? Das Argument, es könne auch andersrum sein – Psychohahn Normalgröße, winziges Mahlzeithuhn – lasse ich nicht gelten, da das Bild ja werben soll und das angepriesene Produkt daher nicht als mickrig dargestellt werden würde. Wenn wir also davon ausgehen, dass die Werbung ein großes, prächtiges Produkt anpreisen möchte, sprechen wir hier von einem ziemlich kräftigen Huhn. Also ich hätte Schiss davor. Und jetzt übertragen wir das mal auf andere Nutztiere: Ein Schwein oder gar ein Rind in dreifacher Größe? So langsam wird mir diese Werbung tatsächlich unheimlich… Wenn man sich Gedanken darüber macht, wird aus dem gute Laune Werbemotiv eher subtiler Horror, grausige Rache der ausgenutzten Spezies, eine angsteinflösende Vorstellung über das Ende unserer Position in der Nahrungskette. Vielleicht hätte ich den Schatten aus meiner letzten Geschichte mit einem psychotisch grinsenden Zwei-Meter-Hähnchen ersetzen sollen…

A propos, Mickey Mouse*! Diese Idee geisterte zwar bereits vor einiger Zeit durchs Netz, aber ich komme gerade wieder darauf und es passt wunderbar: Das menschliche Tiere – Prinzip.
Wer ist Mickey Mouse? Eine Maus, die sprechen kann und menschliches Verhalten zeigt. Das ist aber nichts außergewöhnliches im Disney-Universum, da in Entenhausen und Umgebung allerlei Tiere in einer sozialen Umgebung leben und menschliche Eigenschaften teilen. Sogar Machtkämpfe und typische Eigenschaften aus dem Tierreich werden übernommen, so etwa die wütend klingende, schnab-schnabende Ente oder das Verhältnis von Mickey ‘Maus’ und dem ihn stets als Bösewicht gegenüberstehenden ‘Kater’ Karlo. Doch nun zu meinem Punkt:

Wer ist Mickeys treuester Begleiter? Sein Hund Pluto. Pluto ist ein Hund-Hund, er kann nicht sprechen, dackelt Mickey hinterher und kackt aufs Sofa. Zusätzlich ist auch hier wieder eine Anpassung der Körpergröße zu bemerken: Während die Bewohner Entenhausens in menschlichem Maße gleich groß sind, ist Pluto eindeutig als Hund zu erkennen, der deutlich kleiner ist und auf allen Vieren läuft. Nun ist das nicht unbedingt so außergewöhnlich, da einige Tiere in Entenhausen ihre tierische Gestalt und Verhaltensweise beibehalten haben – insbesondere die Nutztiere, wie etwa auf dem Bauernhof erkennbar. Aber warum erzähle ich gerade davon? Weil:

Wer ist Mickeys bester Freund? Natürlich: Goofy. Der trottelige, stets gut gelaunte** Tollpatsch. Aber – welches Tier verkörpert er eigentlich? Ganz genau: Natürlich hat Disney auch hier die typischen Eigenschaften bei der Persönlichkeit der Charaktere übernommen und den trotteligen, aber treuen Begleiter — als Hund gezeichnet. Goofy ist ein Hund. Ein menschlicher, aufrecht gehender, sprechender Hund. Ob es für ihn nicht merkwürdig ist, als engster Vertrauter von Mickey neben einem Tier seiner Art zu stehen?

In diesem Sinne:

Viel Spaß noch im Leben!


*Inzwischen verzichte ich auf die deutsche Schreibweise Micky Maus, aber ist ja auch egal.
** Außer, als seine Frau starb. Echt.