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Jan 13

Globaldomination

Posted on Freitag, Januar 13, 2012 in Newsletter

Und so schlug ich die Arme nach oben und sprach: „Sechs Tage soll man Arbeit tun, aber am siebten Tage soll euch ein heiliger Tag sein, ein Sabbat der Ruhe dem Jehova; wer irgend an ihm eine Arbeit tut, soll getötet werden.“ Die Menge warf mir Applaus entgegen, die ersten Reihen geißelten sich selbst und der Wiederhall schlug über die Lande: „soll getötet werden! SOLL! GETÖTET! WERDEN! GETÖÖÖÖÖTET WEEERDEEEEEN!!!“ – unter riesigem Getöse flogen die Steine, Stück für Stück. Es trafen nur die wenigsten, doch ob der schieren Masse an Wurfgeschossen waren selbst die wenigsten genug: Zuerst nur wankend, dann stürzend, letztendlich unter Wehklagen sackte er zusammen. Sorry, Ben. War wohl nicht dein Tag. Hehe.

Ladies and Gentlemen! We’re tonight’s entertainment.

Dieser Text ist eine direkte Fortsetzung von „Ich bin so ein guter Mensch!“, somit empfiehlt es sich, diesen zuerst zu lesen. Wenn ihr ihn schon kennt – ruhig noch mal. Das erhöht die Spannung und ihr findet leichter Kontinuitätsfehler, die bei zusammenhängenden Geschichten immer so gerne vorkommen. Fertig? Natürlich nicht, ihr habt einfach weiter gelesen. Ungehorsames Pack! Tja, selbst Schuld. Weiter geht’s.

 

1

Wie ich vor all den Menschen stand und mein Werk begutachtete, sah ich im Gras etwas liegen, was ich ganz am Anfang mitgenommen hatte – die Bibel. „Das wird niemals etwas“, dachte ich mir, als ich sie aufhob. „So weit kann selbst ich nicht gehen…“ Grinsend schlug ich sie auf: „Aber einen Versuch ist es wert.“ Ich trat vor die Menge, holte tief Luft und begann zu sprechen.

„So höret denn!“ – die Aufmerksamkeit war ganz mein – „So höret denn mein Wort!“ Ich sah hinab in die Bibel – Das Buch Levitikus war aufgeschlagen, Kapitel 19. Ohne groß nachzudenken, wetterte ich einfach die Zeilen ins Volk: „Ihr sollt nichts mit Blut essen. Wahrsagerei und Zauberei sollt ihr nicht treiben.“ – so weit, so gut. „Ihr sollt euer Kopfhaar nicht rundum abschneiden. Du sollst deinen Bart nicht stutzen.“ – wäre vielen früher schwer gefallen, doch inzwischen schienen sich alle dran zu halten. „Für einen Toten dürft ihr keine Einschnitte auf eurem Körper anbringen und ihr dürft euch keine Zeichen einritzen lassen. Ich bin der Herr.“ Bei diesen Worten erzitterte die Menge. Ich hatte noch gar nicht realisiert, was eben geschehen war. Was ich gesagt hatte. Die Stirn runzelnd sah ich nach unten, doch schon wurde ein buntes Etwas herangezogen – ein, ich hatte sie bis dahin für ausgestorben gehalten, Emo. „Dieser hier, Herr! Dieser schneidet sich ins Fleisch!“ Ein Blitz durchfuhr mich. Nicht wegen des Emos, wegen der Anrede! ‚Herr‘? Hatte mich dieser Vollhonk gerade wirklich ‚Herr‘ genannt? Das war ja schon in sich bescheuert, weil das Bibelzitat nur etwas wiedergab und nicht ausdrücken sollte, dass Gott der Autor sei – aber offensichtlich waren all diese Ökos, die hier vor mir standen, nicht besonders helle.

– – Mooooooooment.

Ich erwachte aus meiner Trance. Was war nur mit mir geschehen? Hatte ich all diese Leute um mich versammelt? Und was hatte ich überhaupt an?! Fuuuuck…. Offenbar war rohes Geflügel doch nicht gesund und ich hatte mir etwas Heftiges eingefangen. Ich musste total von Sinnen gewesen sein! Nach und nach wurde mir bewusst, was ich in den letzten Wochen getrieben hatte – ich hatte mein Leben komplett geändert, war der totale Gutmensch geworden, hatte die Welt zu einem ekelhaft-optimistischen Platz voller Wonne, Nächstenliebe und Grünzeug gemacht! Meine Fresse, ich hätte mich schlagen können! Doch die Schreie des Emos rissen mich aus meinen Gedanken.

„Herr, Mein Herr, die Seele des Unwürdigen hat nun ihren Weg in das Fegefeuer gefunden. Lobpreiset unseren Herrn!“ Ich stand immer noch ganz baff vor der Menge, selbst mir war der Eigenhaar-Lendenschurz richtig peinlich, und ich fühlte mich nicht wirklich wohl. Alle starrten mich an, doch nicht ob eines schlechten Witzes, sondern voll Bewunderung und Liebe. Ein Hoch auf mein Improvisationstalent! Geistesgegenwärtig las ich einfach weiter in der Bibel, um mir etwas Zeit zu verschaffen. „Entweih nicht deine Tochter, indem du sie der Unzucht preisgibst, damit das Land nicht der Unzucht verfällt und voller Schandtat wird.“ Jubeln, Verständnis, gesegnetes Lächeln überall. Noch so einen und ich konnte mir eine kurze Denkpause gönnen. „Ihr sollt auf meine Sabbate achten und mein Heiligtum fürchten. Ich bin der Herr!“ – Damit hatte ich die Menge endgültig im Sack. Während sie sich singend in den Armen lagen, nahm ich mir etwas Zeit für mich selbst.

Du Vollidiot! Was hast du angestellt? – sprach meine eine Seite. Nicht ‚was hast du‘ – denk mal weiter: Was wirst du noch? fügte die andere Seite schelmisch dazu. Und dieser Gedanke, dieser Gedanke hatte Stil. Das böse Blitzen in meinen Augen ließ nichts Gutes erahnen – Carsten, was werden wir heute Abend machen? Hehe…

Der Rest war Routine. Nach den Ereignissen der letzten Zeit war es ein Leichtes, die versehentlich erreichte Macht für meine düsteren Zwecke einzusetzen. Hochzukommen, das war schwierig. Aber wenn man erst mal oben war….. diesmal – diesmal sollte es endlich funktionieren! Doch bevor ich mich zwecks Pläneschmieden in mein Eigenhaarzelt zurückzog, schloss ich meine Rede noch mit dem letztes Satz des Kapitels: „Ihr sollt auf alle meine Satzungen und alle meine Vorschriften achten und sie befolgen. Ich bin der Herr!“

 

2

Eigentlich war es recht einfach. Eine Handvoll Unannehmlichkeiten zusammen mischen und fertig war eine neue Religion. Ich baute einige Feiertage ein – mein Geburtstag, davor drei Samstage als Advent, ab Beginn der Semesterferien die 40 Tage der Maßlosigkeit und vor Ostern musste man eine Woche lang Fisten. Dann noch ein paar lebensqualitätseinschränkende Regeln, weil Menschen es irgendwie nötig haben, sich selbst zu erniedrigen – das war mir ein Leichtes: Montags durfte man kein Gemüse essen, man durfte nur noch mit blauem Shirt in Supermärkte, Menschen über 42 durften in der Politik keine Entscheidungen mehr über technische Dinge treffen und wer Justin Bieber hörte, galt als entehrt und musste die Stadt verlassen. Dann noch schnell ein paar Verhaltens- und Kleidungsregeln ausgewürfelt und fertig war das Programm. Gottesdienste waren Lesungen aus meinem Letter sowie Live-Übertragungen meiner Reden, außerdem lagen diese Messen Montags um 18 Uhr – allein das hätte gereicht, um alle anderen Religionen zu besiegen. (Mal ernsthaft – was erhofft man sich, wenn man die Leute sonntagmorgens aus dem Bett holen will?!)

Nur eine Sache behielt ich beinahe komplett bei: Die Bibel. Ein paar kleine Anpassungen, ja. Aber generell hatte ich mich total mit dem Buch Levitikus angefreundet. In diesem Haufen Text wurden dermaßen tolle Verbote beschrieben, dass ich mir für jede Lebenslage etwas zurechtlegen konnte. Gleich das erste Kapitel beschrieb die einfache Zubereitung eines Steaks, und auch die Schlachter stellte ich mit Hilfe dieses Buches ein: Wenn sich nämlich jemand auf die verschiedensten Arten vergeht („er hat eine laute Verfluchung gehört, ist Zeuge, da er es gesehen oder darum gewusst hat, aber er zeigt es nicht an und lädt damit Schuld auf sich“, „oder jemand schwört unbesonnen, ob zum Schaden oder zum Nutzen, wie eben der Mensch bisweilen unbesonnen schwört, aber er merkt es gar nicht, doch dann erfährt er es und wird schuldig durch so etwas“) – so wird diesem dreckigen, unwürdigen Sünder aufgetragen: „Als Schuldopfer für seine begangene Verfehlung soll er dann ein weibliches Stück Kleinvieh, ein Schaf oder eine Ziege, vor den Herrn als Sündopfer bringen.“ Da ich die Bibel dahingehend umschrieb, dass ich Gott auf Erden war, hatte ich mir somit einen nie verendenden Strom an Nahrung sichergestellt. Yummy!

Nach und nach baute ich mein Imperium auf – bei mir mussten sich Wissenschaft und Religion nicht zwingend widersprechen. Ich hatte die besten Forscher aus aller Welt damit beauftragt, immens wichtige Dinge für mich zu basteln – selbstladende Akkus, schwarze Laserpointer, eine Zeitmaschine, den Iron Man-Computer – aber das absolute Highlight: Der UnlimitedBACON 3000™. Alles war gut. Ich hatte 13 mir zutiefst untergebene Bodyguards (nicht, dass ich sie gebraucht hätte – aber WEIL. Einfach nur WEIL.), einen Asiaten (Afrikaner waren gerade aus), der mir ständig Kaffee brachte und einen persönlichen Berater (Ben). Alles in Allem war mein Leben doch in einem Zustand, den man schon beinahe als angenehm bezeichnen konnte. „Als Mose das hörte, schien es ihm richtig.“ Gut, dass mir die Macht nicht über den Kopf stieg……..

 

3

Lächelnd stieg ich aus der Sänfte und blies mir die Haare zur Seite. Dieser Tag würde schon irgendwie lustig werden. Ich klingelte an der Tür – [‚FRAU A. Schwarzer‘]. „Das wird ein Spaß!“, dachte ich seriös und drückte die summende Gartentür gegen die Büsche. Ben hatte versucht, mich zu warnen – was heißt ‚versucht‘? Er hatte mich gewarnt, immer und immer wieder. Diese Frau sei gefährlich, sie würde die Massen ebenso bewegen wie ich, sie sei ein böser Drachen. Als sie die Tür öffnete, schreckte ich zurück – doch sie war nur eine Art Frau. Bildhübsch, intelligent und freundlich schien sie nicht gerade zu sein, aber das hatte ich ja auch nicht erwartet. „Sie ist ein riesiger Religionsfeind“, hatte Ben gesagt. „Klar,“ antwortete ich, „der Papst ist gegen Verhütung, und Alice Schwarzer verhütet andauernd – mit ihrem Gesicht!“. Er fand es weniger witzig als ich. Egal, nun stand ich hier, das Sinnbild der Emanzipation wie der Leibhaftige vor mir. Ich habe ja generell nichts gegen Frauen und Gleichberechtigung, aber dieses Mannsweib ging mir gehörig auf die Nerven, sodass ich für sie eine private Bibellesung vorbereitet hatte.

„Frau Schwarzer – ich verlese nun Das Buch Levitikus, Kapitel 12, die Verse 2 und 5. ‚Wenn eine Frau niederkommt und einen Knaben gebiert, ist sie sieben Tage unrein, wie sie in der Zeit ihrer Regel unrein ist.‘ Aber jetzt passen Sie mal auf: ‚Wenn sie ein Mädchen gebiert, ist sie zwei Wochen unrein wie während ihrer Regel.‘ HA!“ Ich sprang auf, zeigte mit dem Finger auf sie und schrie: „HAAAAAA!“. Ich sprang auf den Tisch, stieß versehentlich eine Teetasse um – nur um jetzt mit beiden Fingern auf sie zu zeigen: „HAAAAAAAA! HAAAAAA!!!!! Geeeeeeeee—–FAILT!!!!!“ Ich lachte noch, als sie mich hinauswarf und nach mir trat und von meinen Bodyguards zusammengeschlagen wurde. Welch ein Tag! Doch eines muss ich im Nachhinein zugeben: Irgendwo hatte Ben recht. Mit dieser Frau – sollte man sich nicht anlegen.

 

4

23 Tage vergingen. Ich hatte spaßeshalber zwei neue Staaten gegründet, Großbritannien an eine alte Freundin verschenkt, die InterNationalhymne von Rammstein komponieren lassen („Meister führe, Herze folge“), das Fach „Französisch“ wurde durch „Killerspiele“ ersetzt und die Steuern gingen direkt an mich. Doch dann geschah es.

[Dieser Absatz dient nur der Dramaturgie]

Merkwürdige Geräusche drangen an mein Ohr – wilde Panik, Schreie, Kampfgetümmel… Ich ließ meinen Sessel von meinem Neger zum Fenster schieben und sah hinab. Revolte? Globaler Frühling? Was war da los?

Die Massen strömten meiner Villa entgegen. Sie hatten den Hauptpark meines Anwesens bereits durchquert und hatten schon fast die Wellness-Oase erreicht, als Ben den Salon betrat: „WAS – HABE – ICH – DIR – GESAGT?“ – „Contenance, Benjamin. So berichte er, was vorgefallen sei.“ Trotz gewählter Worte schien meine Aussage ihn nicht vollends zu beschwichtigen. „Alice Schwarzer baut seit drei Wochen eine Hetzkampagne gegen dich auf! Draußen herrscht Bürgerkrieg! Wie kann man sowas nicht mitbekommen?“ – jetzt konnte ich mich auch nicht mehr halten: „Seit drei Wochen? DREI WOCHEN? Seit 22 Tagen, das sind mehr als drei Wochen, seit 22 Tagen ist GTA V draußen, und nicht nur, dass die Spielwelt viel größer als beim Vorgänger ist – nein, man hat auch dermaßen viele Nebenmissionen und so unglaublich viel Zeug zu finden, dass man das alles unmöglich in weniger als DREI WOCHEN abhaken kann! Was denkst du denn, was ich den ganzen Tag mache? Faulenzen? Dumm rumsitzen? Nein! Ich sammle, fahre, helfe und übernehme Los Santos!“

Hätte ich diesen Ausraster auf den Anrufbeantworter einer berühmten Boulevardzeitung gesprochen, hätte dies wohl mein Ende bedeutet. Glücklicherweise waren nur wir drei im Raum – doch Ben drehte sich wortlos um und ging zur Tür. Als er sie geöffnet hatte, sah er zurück und sprach: „Du bist am Ende.“ – „Kachelmann hat sie auch überlebt!“, schrie ich ihm nach – doch das hört er längst nicht mehr.

 

5

Als ich weitere 5 Wochen später – ich hatte mich 24/7 rangehalten – mit GTA V durch war, ging ich auf die Dachterrasse und sah mir an, was inzwischen geschehen war. Schwarzers Truppen hatten klein angefangen, und auf meiner Seite standen einfach zu viele. Wenngleich meine Gegner von hunderten zu zehntausenden gewachsen waren, hatten sie doch keine Chance. In meinem Anwesen war ich sicher.

Gemütlich schlenderte ich durch die Gänge, sah mir die Galerie an, trällerte fröhlich vor mich hin und genoss den UnlimitedBACON 3000™. Plötzlich – ein Knall! Der Schuss löste sich hinter mir, verfehlte mich knapp und riss den UnlimitedBACON 3000™ entzwei. Ich sprang zurück und sah Ben mit einem rauchenden Colt hinter mir stehen. „Was sollte das denn?“, schrie ich ihm entgegen. „Der UnlimitedBACON 3000™ hat dir doch nichts getan! Weißt du eigentlich, was das für eine Arbeit war???!?!?!!!?!?!11?“ Ben sah mich herablassend an: „Weißt du es denn? Hast du irgendetwas von all dem hier selbst gemacht? Hast du hier irgendetwas erreicht? Nein, du hast dich nur etwas über die Umweltverschmutzung und den Konsumgeist aufgeregt und damit alle auf deine Seite gezogen. Du hast deine Macht missbraucht. Du hast alles in den Ruin getrieben! Doch damit ist jetzt Schluss! In dieser Sekunde stürmen meine Leute dein Haus, du bist am Ende.“ – „Na gut“, lenkte ich schnell ein. „Was soll ich tun?“ – „Dich entschuldigen. Du gehst da jetzt raus und sagst den Menschen da draußen, was du getan hast!“ – hatte ich eine Wahl?

So stand ich nun vor den Massen. Ich schritt die Wendeltreppe am Wintergarten hinunter und unter großem Jubel mischte ich mich unters Volk. Zwei mich anbetende Gefolgsleute gingen auf alle Viere, sodass ich mich auf ihren Rücken wie auf ein Podest stellte und zur Menge sprach:

„Sicher habt ihr schon von Benjamin gehört. Einst mein engster Vertrauter, nun im Dienste von Alice Schwarzer. Er hat mir erzählt, was ihn stört. Er hat mir erzählt, was ihm nicht gefällt. Und so ist er den Truppen von Frau Schwarzer beigetreten und plant nun, mich zu stürzen.“ – „Gaaaanz vorsichtig, Carsten!“, hauchte Ben mir ins Ohr. „Ein falsches Wort und wir…“ – ich ließ mich nicht beirren und fuhr mit lauter Stimme fort: „Benjamin hat hart für seine Ideale gearbeitet. Er hat sich bemüht, und er hat viel Kraft darauf verwendet, seine Vorstellungen in die Tat umzusetzen. Und wisst ihr, wann er das getan hat? Benjamin, wann hast du das getan?“ Leicht verunsichert sah er mich an, dann blickte er zur Menge und antwortete: „Samstag vor drei Wochen. Ich habe dich immer gewarnt, aber an diesem Tag war das Maß einfach voll! Menschen, hört mich an! Es kann doch n…“ – schnell unterbrach ich ihn: „Aha. Samstag also. Du hast Pläne geschmiedet, du hast hart für deine Pläne gearbeitet?“ Unsicher nickte Ben. Er verstand nicht. Die Menge schon. Und so schlug ich die Arme nach oben und sprach: „Sechs Tage soll man Arbeit tun, aber am siebten Tage soll euch ein heiliger Tag sein, ein Sabbat der Ruhe dem Jehova; wer irgend an ihm eine Arbeit tut, soll getötet werden.“ Die Menge warf mir Applaus entgegen, die ersten Reihen geißelten sich selbst und der Wiederhall schlug über die Lande: „soll getötet werden! SOLL! GETÖTET! WERDEN! GETÖÖÖÖÖTET WEEERDEEEEEN!!!“ – unter riesigem Getöse flogen die Steine, Stück für Stück. Es trafen nur die wenigsten, doch ob der schieren Masse an Wurfgeschossen waren selbst die wenigsten genug: Zuerst nur wankend, dann stürzend, letztendlich unter Wehklagen sackte er zusammen. Sorry, Ben. War wohl nicht dein Tag. Hehe.

Doch mein Erfolg währte nicht lange. Ben war Geschichte, aber seine Leute waren immer noch in meinem Haus. Dieser Umstand wurde mir schlagartig bewusst, als ich nach meiner kurzen Rede zurück in den schwarzen Salon ging – der inzwischen total zerstört war. Es brannte, alles war zertrümmert, alles kaputt. Sogar die coole blaue Vase. Diese Schweine! Ich rannte in Richtung Waffenkammer – jetzt kam es darauf an! Doch bevor ich sie erreichte, rannte ich inmitten einer Gruppe Menschen. Von Ben. Ungut.

Da ich versuche, mich in diesem Text so viel wie möglich zu glorifizieren, beschreibe ich nicht detailliert, was mir diese Männer antaten. Fakt ist nur, dass ich wenige Minuten später zitternd, blutend und sterbend am Boden lag. Sollte dies mein Ende sein? NEIN! So würde ich nicht enden! Ich wollte mit einem Knall von dieser Erde gehen, mit einer abschließenden Tat. Ich kroch zitternd durch die Gänge, auf der Suche nach etwas Großem. Als ich am Labor vorbeikam, sah ich die Menge randalieren. Sie zerstörten alles! Nur ein Gegenstand war noch intakt: Die Zeitmaschine. Ein exzellenter Physiker und Rettungssanitäter hatte dieses Wunderwerk der Technik entworfen – er war vielleicht kein Bernd Hils, aber das Teil funktionierte. Endlich konnte ich sie ausprobieren!  Auf dem Weg zu ihr überlegte ich mir, zu welchem Zeitpunkt ich die böseste mögliche Tat begehen konnte. Kurz vor Erreichen des Gerätes ploppte eine Idee vor meinen Augen auf. Konnte ich so gemein sein? JA! Ich gab das Datum ein und wirbelte durch die Zeit.

 

5 ½

15. Juli 2005, 23 Uhr und 42 Minuten. Mitten in London, vor einem großen Buchladen.

Tausende Leute hatten sich versammelt. Kameras aller Sender aller Länder standen bereit, um live zu übertragen. Als ich in einem blauen Funkenregen mitten unter ihnen erschien, waren alle Augen auf mich gerichtet. Alle Kameras filmten mich. Röchelnd lag ich am Boden und spürte, wie mir das Leben aus den Gliedern wich. Mit letzter Kraft holte ich tief Luft und sprach: „Sssss…. Snnaay……“ Ein Reporter kam auf mich zu und hielt mit ein Mikro vors Gesicht: „Who are you? What do you want to say“ – ich sprach ins Mikro. Die ganze Welt sollte mich hören, heute, jetzt, 18 Minuten vor Mitternacht, 18 Minuten vor der Erstveröffentlichung. „Snape…  kills…… Dumbledoreeeee…….“

Ich weiß nicht, ob mich die Verletzungen oder der aufgebrachte Mob getötet haben, aber letztendlich war es egal. Ich ging in die Geschichte ein. Niemand hatte jemals etwas so grausames getan, wie ich. Ich bin so ein schlechter Mensch.

Aber ich bereue nichts.