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Ich bin so ein guter Mensch!

Posted on Mittwoch, Dezember 14, 2011 in Newsletter

Als ich neulich auf dem Weg zur Uni durch die Straßen lief, wurde mir die Vergänglichkeit aller Dinge bewusst – warum genau ist ziemlich ekelhaft, deshalb verzichte ich auf die Beschreibung. Na jedenfalls wurde mir dadurch noch etwas anderes bewusst: Ich musste mein Leben von Grund auf ändern! So schnappte ich mir also eine Bibel und eine Bio-Kartoffel und begann von vorne. Leben 2.0.

Voller positiver Energie stand ich also an der Bushaltestelle und dachte mir: „So nicht.“ Als der Bus kam, zog ich meine Lungen bis zum Anschlag mit Abgasen voll und hustete dann demonstrativ in Richtung der wartenden Menge. Dann drehte ich mich mit Unheil verkündenden Augen langsam um und sprach mit dramatischer Stimme: „So kann das nicht weitergehen! Denkt doch mal nach!“ – bewusst offen ließ ich diese Aufforderung im Raum – Verzeihung, im Freien – stehen und ging übermäßig selbstsicher von Dannen. Dreister Weise hatte mein Verhalten nichts am Fahrplan des Busses geändert, dieser Ignorant fuhr trotzdem! Doch auf meinem Weg zur Uni dachte ich mir: Wenn ich nur einen überzeugen kann, wenn auch nur einer wegen mir nun auch keinen Bus mehr benutzt sondern läuft oder das Fahrrad nimmt – dann habe ich, ich allein, die Welt ein Stückchen besser gemacht. So dachte ich – mehrfach, denn der Weg war lang.

Nach nur wenigen Stunden erreichte ich Bockenheim. Ich fühlte mich so frei! Was daran lag, dass ich meine Seminare mehr als nur verpasst hatte. Ich hätte gehen können! Gleich wieder nach Hause. Doch ich tat es nicht.

Hauptsächlich, weil ich jetzt wirklich dick Hunger hatte. Also ab zur Mensa – und den Magen vollgestopft. Doch als ich an den Theken stand, dachte ich mir: „So nicht.“ Wenngleich am Kaffee ein Fair Trade-Siegel klebte und der Fisch mit einem weiteren mir unbekannten Symbol für Nachhaltigkeit warb, so war ich mir doch unsicher, ob alle Arbeitskräfte auch zu gleichen Teilen fair und ohne Unterscheidung von Rasse, Religion, Kopfbedeckung, Musikgeschmack und Lieblingsfarbe entlohnt wurden. Ob die Arbeitszeiten ausgeglichen waren, ob die Bedingungen und das Feng Shui in dieser Mensa von Fachleuten auf Unbedenklichkeit geprüft worden war. In dieser Ungewissheit wollte – konnte ich nicht länger verweilen. So stand ich auffällig auf, und mit donnernder Stimme sprach ich. „So kann das nicht weitergehen! Denkt doch mal nach!“ Selbstzufrieden lief ich hinaus durch die Stadt und betrat den Tempel der Nachhaltigkeit: Einen Bio-Supermarkt.

Früher war ich oft in solchen Geschäften, um mich über das Angebot lustig zu machen und die Kunden auszulachen. Jetzt aber begriff ich, wie wichtig diese Einrichtung war! Als ich mich durch welke Äpfel grub, verschrumpelte Tomaten begutachtete und erbärmliche Kartoffeln streichelte, füllte sich mein Herz mit strahlender, nachhaltiger Freude und Glückseligkeit. Ich ging zur Kasse und fraß meine EC-Karte – denn um diese zu lesen, benötigt man Strom. Und da bin ich ja generell dagegen. Heute haben wir Strom – und globale Erwärmung. Früher hatten wir beides nicht. Zusammenhang erkannt? Na also. So lief ich also kauend (Plastik ist hartnäckig) und mit einer Tüte Bio-Zeug auf die Straße, holte tief Luft(, kaute runter) und fühlte mich irgendwie voll gut, ey.

Mitten auf dem mit Grünflächen versehenen Platz in Frankfurt fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren: Ich Tier! Ich Unmensch! Ich… MONSTER! Angeekelt von meinem schändlichen Verhalten riss ich mir die Kleider vom Leib. Wie viele Tiere, Pflanzen und Menschen mussten für mein T-Shirt sterben? Wie viele Kinder in China haben sich daran totgearbeitet? Wie viele Polyester-Tierchen wurden dafür geschlachtet? Würgend und weinend verbrannte ich den Haufen ‚Stoff‘, wischte mir die Tränen aus dem Gesicht, sah flehend gen Himmel – dann blickte ich auf die (leicht verwunderte) Masse und sprach mit hallender Stimme: „So kann das nicht weitergehen! Denkt doch mal nach!“ Und so ging ich – leicht fröstelnd, aber selbstzufrieden – nach Hause. Zu Fuß, natürlich.

 

Eine Woche später

Die Woche lief wunderbar. Ich habe 13 Kilo abgenommen, laufe nur noch mit einem aus meinen eigenen Haaren selbstgestrickten Lendenschurz durch die Straßen, lebe in einem (ebenfalls Eigenhaar-)Zelt im Palmengarten. Doch am achten Tage – Mittwoch – wurde ich von Lobgesängen geweckt. Ich wusste nicht, was los war – woher auch? Internet ist böse, für Zeitungen müssen Bäume sterben und Radio… öhm… verbraucht Strom. So wusste ich nicht um den Kult, der sich um mein Verhalten gebildet hatte. Ich hatte die Menge zum Nachdenken aufgefordert – und sie waren mir gefolgt. Damit hätte ich ja nicht rechnen können.

Überall auf der Wiese standen Menschen, unrasiert und in merkwürdigen Klamotten. Sie kauten auf Obst, streichelten Kühe und schwangen mit Lianen von Baum zu Baum, um den Rasen nicht zu zerknautschen. Alles war voll schön. Als ich aus dem Zelt trat, begann eine alternative Form von Applaus und Gejubel auf mich herabzuregnen – ich genoss die Euphorie, dankte und sprach: „So kann das weitergehen! Denkt doch mal nach!“ Die Menge jubilierte.

 

Einen Monat später

„Wir brauchen das nicht. NIEMAND braucht das! Es ist egal, dass sich ein Großteil der Tiere so verhält – wir sind keine Tiere! Es hat nichts zu sagen, dass wir Schneidezähne besitzen, das ist einfach nur Zufall! Nur, weil wir es Jahrtausende lang getan haben und immer alles gut damit war, muss es nicht  so weitergehen! Fleisch ist ungesund, und ganz schlimm, und Nutztiere töten ist böse! Einer Kuh darf man den Mann nicht nehmen, ihre Milch darf nicht gestohlen werden! Ihr Fell ist nicht zu verwenden, das ist Leichenfledderei! Du sollst nicht töten! Du sollst nicht essen, was dir schmeckt! Du sollst nicht haben, was du willst! So kann das nicht weitergehen! Denkt doch mal nach!“ – unter riesigem Applaus sah ich melodramatisch nach oben, dann ganz langsam in Richtung der Menge, ein kurzes Nicken, dabei die Augen schließen, dann gleichzeitig langsam wieder öffnen und dabei sanft lächeln. Mein Auftritt war perfekt.

Inzwischen gab es ‚Frankfurt‘ nicht mehr. Die Stadt wurde abgebrannt, dem Erdboden gleich gemacht. An deren Stelle wurden Blümchen gepflanzt und Ponys gestellt, die den ganzen Tag glücklich und frei herumliefen und sich einfach nur freuten. Jeder lief barfuß, alle Kraftwerke wurden geschlossen und abgebaut, jegliche Technik zerstört. Mit der letzten Statusmeldung „Good Bye World“ wurde Facebook geschlossen, das Internet wurde gemeinschaftlich lahmgelegt. Jeden Tag lagen wir uns singend in den Armen und tanzten um Bäume, um Mutter Natur zu ehren und lobpreisen.

Wie ich vor all den Menschen stand und mein Werk begutachtete, sah ich im Gras etwas liegen, was ich ganz am Anfang mitgenommen hatte – die Bibel. „Das wird niemals etwas“, dachte ich mir, als ich sie aufhob. „So weit kann selbst ich nicht gehen…“ Grinsend schlug ich sie auf: „Aber einen Versuch ist es wert.“ Ich trat vor die Menge, holte tief Luft und begann zu sprechen.

–> Fortsetzung folgt…

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