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Feb 7

Frankfurt am Mainstream

Posted on Montag, Februar 7, 2011 in Newsletter

Donnerstag Morgen, 9 Uhr 55. Radio springt an, Werbung für einen Rabatt bei einem Autohändler – wie jeden Tag (ich bezweifle, dass jemals ein Auto zum Normalpreis verscherbelt wurde). Nachrichten starten, ein Anschlag in [nahöstliches Land], der [Anzahl] Opfer forderte, darunter auch zwei deutsche Touristen. Ein Unfall auf der A3, eine Frau ist gegen einen Pferdetransporter gefahren – warum taucht eigentlich jeden Tag in den Nachrichten ein spezieller Unfall auf? Wer entscheidet das? Wichtiger: Wie genau muss ich einen Unfall bauen, um in den Radionachrichten erwähnt zu werden? Es gibt täglich wohl mehr als einen, und die erwähnten sind in den meisten Fällen auch nicht gerade besonders spektakulär; also wer wählt aus der unsäglichen Masse der Unglücke gerade diesen einen aus und warum wird so was überhaupt gesondert in den Nachrichten behandelt? Nächste Meldung: [Name] flog aus [Show], daraufhin haben wir die Nachbarin des Freundes interviewt, die uns folgendes gesagt hat. Und nun zum Sport: Diese Mannschaft hat dieses Spiel gewonnen. Wetter schlecht, Straßen frei. Guten Morgen, es ist zehn Uhr, hier ist Daniel Fischer und seine austauschbare Assistentin und ihr hört

*pratz*

Radio aus, Klamotten an. Brille aufgesetzt, Uhr gesucht, Kopfhörer in die Ohren, Rucksack aufgesetzt. Runter zur Tür, heute Punkt9 verpasst, Drama. Raus aus der Tür, 10.22, Dreck. Spurt zum Bus, unterlegt mit gewaltförderndem Heavy Metal [erinnert ihr euch? Das war, als Killerspiele noch nicht so medienpräsent waren]. Busfahrkarte muss ich endlich nicht mehr vorzeigen – entweder weil mich die Fahrer inzwischen tatsächlich kennen oder weil der aktuelle zu wenig Deutsch kann, um mich danach zu fragen. S5 bis Hauptbahnhof, unterwegs Statistik-Hausaufgaben durchgehen, nichts verstehen, mir vornehmen, mich nachher noch mal damit zu befassen. Ffm-Hbf > U4 > Bockenheimer Warte, traurig aber wahr: Statt von West zu laufen, ist der Umweg mit der U-Bahn tatsächlich schneller. Ab ins Café Juridings, „Wie immer?“ – „Jupp“, Café Latte – Quatsch, Latte Macchiato (ist tatsächlich was ganz anderes) – und Beagle, halbe Stunde futtern, lesen. Gedankenblitz: Statistik-Hausaufgabe! F*ck. Reinschauen, nichts verstehen, mir vornehmen, mich nachher noch mal damit zu befassen. Ab in HIV, leider eigentlich H VI, hingesetzt und weitergelesen. Professor kramt seinen Apple raus und beginnt die Vorl

~GONG~

Zwischenbemerkung: Ich habe was Tolles gelesen. Im Unicum – ja, ich weiß, dass es wie der Titel eines Pornos klingt, ist aber eine Zeitschrift an der Uni – steht gerade ein Artikel über Trends. Was macht sie aus, worin liegt der Unterschied zum Megatrend, wie wird man Trend, was wird aus Trends. Zusammenfassend steht da drin, dass etwas Neues auf den Markt kommt und durch geschickte Werbung und / oder einen prominenten, in den Medien häufig und charismatisch präsenten Fürsprecher zustande. Allerdings ist ein Trend reines Marketing und hat für Gewöhnlich nichts mit langlebig, herausragend oder ablösend von alten Produkten zu tun: Ein Trend ist etwas total banales, was für kurze Zeit als das ultimative Dings schlechthin gilt, aber schon nach wenigen Wochen / Monaten / Jahren wieder in Vergessenheit gerät und keine Spuren hinterlassen hat. Und wisst ihr, was der Artikel für Beispiele genannt hat? Bionade, Paris Hiltons Champagner in Dosen und Apple! Das ist eine Aussage, die mich zutiefst befriedigt: Apple nicht als Alternative oder gar – Achtung, Schenkelklopfer – Konkurrenz zu Microsoft, nein – Apple ist nichts als eine vorübergehende Modeerscheinung, von der in 10 Jahren keiner mehr etwas weiß. Ist es nicht schön zu wissen, dass man die nachfolgende Generation gar nicht mehr darüber aufklären muss, warum sie nicht aus Versehen einen Mac benutzen sollten – nein, die nachfolgende Generation wird allenfalls aus zeitgenössischen Filmen und Aufzeichnungen überhaupt erfahren, was Apple eigentlich damals war. Dann werden sie die Augen verrollen – ähnlich uns beim Ansehen der Fotos von unseren Eltern zu ihrer Jugendzeit – und sagen: „Boah, Papa – so einen Blödsinn hatte damals jeder?“. Und ich kann dann sagen: „Ich nicht.“

~GONG~

esung. Eigentlich recht interessant, der Kerl kann gut reden. Ich gebe endgültig auf, Metro 2033 zu lesen und stecke es gelangweilt in meinen Rucksack, wobei mir die Statistik-Hausaufgabe entgegenlächelt. Mit den Worten „kann ja nicht so schwierig sein“ packe ich sie aus, lege sie motiviert auf meinen Platz, lese mir alles noch mal genau durch, verstehe immer noch nichts und nehme mir ganz fest vor, mich nachher noch mal damit zu beschäftigen. Endlich ist die Vorlesung rum und es zieht mich zur Zeil, auf der ich irgendetwas Antivegetarisches zu mir nehme.
Ich sehe an der Hauptwache wie üblich die Zeugen Jehovas, die ihren Wachturm in zahlreichen Sprachen anbieten. Weil man sie nicht oft genug veräppeln kann, sehe ich kurz die Sprachen durch – Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Japanisch, Arabisch, Türkisch, noch eine weitere mir unbekannte – aber jedenfalls nicht Kroatisch. Wohlan! Ich begrüße die beiden senilen, Verzeihung, erfahrenen Zeugen mit den Worten „Pozdrav, lijepo šešir!“ und lächele sie freundlich an. Die ältere Dame lächelt zurück und versucht mich mit dem wohl schlechtesten Englisch von ganz Frankfurt zu besänftigen, erhält aber von mir nur sinnlos zusammengewürfelte Worte ohne Bedeutung (da mein Kroatisch mit diesem Satz auch schon wieder am Ende ist), woraufhin wir uns etwas in halb Englisch halb Fantasiesprache unterhalten. Ich verabschiede mich abermals mit dem nun total abstrusen „Pozdrav, lijepo šešir“ und hoffe insgeheim, dass mich ein Kroate gehört hat. Zufrieden mache ich mich auf den Rückweg zur Uni und versinke in Gedanken an Despicable Me (ansehen! JETZT!!! SOFORT!!!!! Ja, du!), meine bevorstehenden Klausuren, meine

STATISTIK-HAUSAUFGABE! Dreck, verdammter. Ich stehe im Aufzug und grüble panisch über eine mögliche Lösung nach, als mir die rettende Idee kommt: Schnell ein Zwischenstopp in Stockwerk 7, ab ins MOPS, ran an den PC und geschwind auf WikiLeaks. Schon ergießen sich ungewollt veröffentlichte Dokumente über den Bildschirm, und da ist sie auch schon: Die ungeliebte Hausaufgabe. Schnell abgeschrieben, ein verschwörerisches Lächeln aufgesetzt und ab in den 25. zum Statistik-Seminar. Mitkomilitonen begrüßen (an dieser Stelle übrigens ein herzlicher Gruß an ebendiese!), in den Raum gehen und guten Gewissens meine Hausaufgabe abgeben. Das Leben ist schön.

Und was macht ihr so?