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Jan 13

Schinken.

Posted on Donnerstag, Januar 13, 2011 in Newsletter

Bei mir werden Respekt und Zurückhaltung groß geschrieben. Es sind schließlich Nomen.

An einem wunderschönen Sommernachmittag Mitte Januar schlenderte Piggeldy gemütlich durch seine WG und ließ sein Gesicht zentimetertief in sein Essen gleiten.  Draußen waren heute wieder eine Menge dieser schreienden Biester, die gelegentlich mit ein paar größeren Leuten vorbeikamen und Piggeldy und seine Freunde teils interessiert, teils gelangweilt anstarrten. Komische Wesen, irgendwie primitiv – Frederick nannte sie „Menschen“, die kleineren jedoch „Kinder“. Wie dem auch sei – das Futter war lecker (der neue Geschmack, den Frederick „Dioxin“ genannt hatte gab dem Ganzen eine gewisse Würze), der Tag war schön.

Anmerkung: Wer jetzt noch nicht weiß, worum es geht, kann den Text  eigentlich gleich vergessen – oder er googlelt mal schnell „Piggeldy und Frederick“ bzw. (besser) sieht sich die eine oder andere Folge auf YouTube dazu an. Beispiel: YouTube

Besonders gerne hörte Piggeldy den ‚Menschen‘ zu, um sich wieder darüber lustig zu machen, über was für irrelevante Dinge sie sich unterhielten: Über Leute, die Bällen hinterherrannten; über Leute, die über andere entscheiden (besonders lustig hatte Piggeldy den Spitznamen „Homofürst der Finsternis“ gefunden, den einer dieser „Politiker“ [laut Frederick] erhalten hatte.), auch über das Wetter oder die Jahreszeit. Dann unterhielten sich die ‚‘Menschen‘ auch über Dinge, die es „gar nicht gibt“ [Frederik], zum Beispiel „Filme“, „Märchen“ oder „Globale Erwärmung“. Menschen waren komisch, sagte sich Piggeldy jedes Mal und steckte sein Gesicht tiefer in den Futtertrog.

„…Geburtstag ein Nationalfeiertag! Außerdem wird Titanic Pflichtlektüre und Kaffee kostenlos. Und – natürlich – werden dann auch…“ Piggeldy erschrak, als sich ein wirklich abstrus aussehender größerer ‚Mensch‘ näherte (der irgendwie doch nicht sooo groß war) und lautstark fantasierte. „…T-Shirts mit meinem Gesicht – natürlich stilisiert – bedruckt,  eine Nationalhymne auf meine Person abgestimmt, und eine multimediale Welt ohne Apple. Genau das würde passieren.“ – „Und wie willst du das anstellen?“ fragte da plötzlich eines der ‚Kinder‘. „Na wie wohl, Schwesterchen – ich werde die Weltherrschaft an mich reißen!“ – „Ach so, ja. Und wann?“ – „Ich arbeite daran.“ – „Hm. Hast du noch ein Blasrohr?“

Piggeldy war überaus interessiert, was er da gerade gehört hatte – und noch während der verrückte ‚Mensch‘ dem  ‚Kind‘ einen kaputten Stift gab und dabei feierlich „Waidmanns Heil“ sprach, war Piggeldy schon auf dem Weg zu seinem großen Bruder Frederick.

„Du, Frederick, was ist Weltherr…“ – „PIGGELDY! WIE OFT – VERDAMMTE SCHEIßE NOCH MAL – WIE OFT HABE ICH DIR SCHON GESAGT:  HÖR – ENDLICH – AUF – MICH – STÄNDIG – SO – EINEN – SCHEIß – ZU – FRAGEN!!!! MEINE FRESSE NOCH MAL!!!!!!“ – „fieeep….“ fiepste Piggeldy und wurde plötzlich ganz klein. Doch Frederick war noch lange nicht fertig: „SEIT 37 JAHREN, SEIT SIEBEN-UND-FUCKING-DREIßIG JAHREN KOMMST DU JEDEN VERFLUCHTEN TAG ZU MIR UND FRAGST MICH EINEN DERMAßEN GLEICHGÜLTIGEN SCHEIßDRECK, DAS IST ECHT NICHT MEHR IN WORTE ZU FASSEN!!!! MENSCH; DU BIST INZWISCHEN 43 JAHRE ALT UND WILLST IMMER NOCH…“ – „Aber Frederick“, begann Piggeldy, „aber Frederick, ich dachte immer, du erklärst so gerne und…“ – „Okay, Piggeldy. (Ruhig, Frederick, bleib ruhig!) Was hast du denn auf dem Herzen?“ – „Du, Frederick? Was ist Weltherrschaft?“ Frederick holte tief Luft, seufzte kurz, schluckte einen wirklich bösartigen Kommentar hinunter und sprach mit etwas Melancholie in der Stimme: „Nichts leichter als das, komm mit.“ Und die beiden gingen los. Und sie gingen und gingen und gingen, bis sie schließlich nach Rom kamen. „Siehst du, Piggeldy“, sagte Frederick, „siehst du – hier hat Cäsar gelebt. Eines Tages bekam er eine ganze Menge Macht, und wollte dann immer mehr. Er wollte sogar die ganze Menschheit beherrschen, die ganze Welt. Und jetzt komm mit.“ Und sie gingen und gingen und gingen, bis sie nach Griechenland kamen. „Siehst du, Piggeldy“, sagte Frederick erneut, „siehst du – hier hat Alexander der Große gelebt. Auch er wollte so viel Macht, wie er nur haben konnte – auch er wollte die Weltherrschaft. Und jetzt komm mit.“ Und sie gingen und gingen (und gingen) und gingen zurück nach Deutschland. „Siehst du, Piggeldy“, sagte Frederick mal wieder, „siehst du – hier hat Hitler gelebt. Auch er wollte alles an sich reißen und sein Reich vergrößern, wohl wollte auch er die Weltherrschaft.“ – „Aber Frederick“, fragte Piggeldy, „aber Frederick – haben diese Menschen denn nun die Weltherrschaft?“ – „Nein, Piggeldy – sie sind alle tot. Cäsar wurde erstochen, Alexander hat sich zu Tode gesoffen und Hitler hat sich in den Kopf geschossen.“ – „Aber Frederick, muss der verrückte Mensch von vorhin denn auch sterben?“ – „Nein, Piggeldy, dieser Kerl wird nicht mal eine einzige Person beherrschen. Und jetzt lass uns endlich gehen.“ – „Frederick? Wer war Cäsar?“ – „Piggeldy, hör auf zu fragen.“ – „Aber ist es nicht gut zu wissen, wer Alexander der Gr…“ – „Piggeldy!“ – „Und überhaupt, was ist eigentlich Griechenland? Und woran hat sich Alexander zu Tode gesoffen? Und…“ – „PIGGELDY! Wann du mich NOCH EINE Sache fragst, dann…“ Piggeldy sah Frederick mit großen Augen an: „Frederick? Wenn ich dich noch eine Sache frage, was passiert dann?“ Nun hatte Frederick wirklich die Faxen dicke. „Piggeldy? Pass mal auf, ich zeige dir was. Komm mit.“ Und sie gingen und gingen und gingen in einen Supermarkt. Dort angekommen sah Frederick Piggeldy tief in die Augen und sprach: „Piggeldy, lies mal, was das hier ist.“ – „S – Sch – ink – en. Das ist Schinken, Frederick. Frederick, was ist Schinken??“ – „Piggeldy, ich sage dir jetzt mal, was Schinken ist. Erinnerst du dich noch an unsere Mutter?“ – „Ja, sie ist in den Urlaub gefahren und fand es da so schön, dass sie nie wieder zurück gekommen ist.“ – „Nein, Piggeldy. Deine Mutter

IST TOT! SIE WURDE GETÖTET UND AUFGESCHLITZT UND HATTE GANZ GANZ VIEL AUA UND DANN WURDE SIE ZERSCHNITTEN UND AUSEINANDERGERISSEN UND IN EINE TÜTE GESTECKT!!! UND DAS IST AUCH MIT VATER PASSIERT UND OPA UND ALLEN DEINEN FREUNDEN UND ALLEN DIE DU LIEBST UND ALLEN DIE DU JEMALS KANNTEST UND WENN DU MIR NOCH EINE EINZIGE VERFICKTE FRAGE STELLST MACHE ICH HÖCHSTPERSÖNLICH SCHINKEN AUS DIR ABER SO DERBE DASS ES NOCH DREI WOCHEN SPÄTER NACH TOD UND VERDAMMNIS RIECHT HABEN WIR UNS JETZT VERDAMMT NOCH MAL VERSTANDEN?????“

Und Piggeldy ging mit Frederick nach Hause. Er hat nie wieder etwas gefragt.