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Dez 8

Nachruf.

Posted on Mittwoch, Dezember 8, 2010 in Newsletter

Hier sollte ein Text über Weltherrschaft und meine neuesten Erfolge in Bezug darauf kommen. Mittwochs kann ich noch länger schlafen als sonst, der Tag schön kühl und frei.

Um 5 Uhr 12 wurde der Sonderpreis für schlechtes Timing nach Wiesbaden überwiesen, wo heute  Morgen mein Großvater starb.

Meiner Liebe zum Tod und meiner Überzeugung von dessen Schönheit nimmt mir die Trauer und lässt eine selbst für mich erschreckende Gefühlsleere zurück, vielleicht kommt da noch was, vielleicht bin ich einfach inzwischen zu kalt, wer weiß… Jedenfalls respektiere ich die Situation insofern, dass ich den gewohnten Trott unterbreche und diesen Nachruf schreibe – auf meine Art. Das mag einigen pietätlos erscheinen, ist aber auf keine Fall so gemeint – ich schreibe nur, was bleiben soll.

Bleiben soll eine Geschichte. Ich könnte jetzt das Übliche schreiben; wie er so war, was er getan hat, wie er gelebt hat oder gar woran er gestorben ist. Doch das alles ist irrelevant für diesen Text, da ihr es kurz lesen und gleich wieder vergessen werdet. Ich möchte, dass ihr euch an diesen Text erinnert und es nicht als trockene Pflicht, sondern als Andenken sehen könnt.

Immer wieder hat er uns bei jeder nur erdenklichen Gelegenheit einen Witz erzählt, und zwar immer denselben. So nervig diese Angewohnheit bei alten Menschen sein kann, so froh war ich, dass es bei ihm keine langweilige Anekdote, sondern ein recht guter Witz war. Ihr könnt es euch denken: Diesen Witz will ich euch als seine Andacht erzählen:

Es war einmal ein Pfarrer, der seine Gemeinde verließ und in ein anderes Dorf zog. Dieser Pfarrer war zudem begeisterter Jäger, sodass er bald Freundschaft mit zwei anderen Jägern aus seiner neuen Heimat schloss.

Nach einigen Tagen des Einlebens beschlossen die drei Jagdgesellen, Enten jagen zu gehen. So wanderten sie an einen Tümpel und legten sich auf die Lauer. Der erste Jäger legte an, schoss und traf – die Ente fiel, und sie fiel mitten in dem Tümpel. Der Jäger zuckte mit den Schultern, lief über das Wasser und brachte die Ente an Land. Der Pfarrer schaute etwas irritiert auf den soeben übers Wasser Gelaufenen und zog in seinen Gedanken eine Brücke zur Bibel, erinnerte sich daran, dass da doch auch etwas mit Übers-Wasser-Laufen beschrieben wurde… Aber er war wohl einfach nur müde oder hatte gestern Abend zu lange den neuen Messwein getestet.

Der Entenschwarm flog erneut, ein Schuss löste sich aus des zweiten Jägers Gewehr und die Wasseroberfläche wurde von einer zweiten Toten Ente durchschlagen. Diesmal sah der Pfarrer ganz genau hin, und siehe da: Auch der zweite Jäger ging entspannt und ruhig über das Wasser, holte die Ente und lief ohne zu versinken zurück zu den beiden anderen. Jetzt wurde der Pfarrer doch etwas unruhig. „Jesus ging übers Wasser, und sein Jünger folgte ihm“, dachte er. „Als der Jünger vom Glauben abwich, versank er jedoch…“

Nun war er dran – der Pfarrer legte an, nahm eine Ente aus dem erneut aufgeschreckten Schwarm zwischen Kimme und Korn, drückte ab und beendete das Leben einer dritten Ente. Wer hätte das gedacht? – die Ente landete im Wasser. Der Pfarrer war verwirrt, doch mutig und beschloss: „Herr, ich glaube!“ Er macht einen vorsichtigen Schritt ins Wasser, dann einen zweiten, und schließlich

fiel er der Länge nach ins Wasser, gurgelte, zappelte und schwamm verschreckt zurück an Land. Die beiden Jäger sahen ihn an, dann sich selbst, dann wieder ihn. Mit gesenkter Stimme und neckischen Grinsen sprach der eine zum anderen: „Also unser neuer Pfarrer, gläubig isser ja, aber wo die Trittsteine liegen, dat weißer noch nich.“

Merkt euch diesen Witz, erzählt ihn weiter, erinnert euch an ihn. Und erinnert euch daran, dass der Mann, der ihn mir erzählt hat, heute Morgen starb.