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Mai 25

2.: Bis(s) zum Horizont

Posted on Dienstag, Mai 25, 2010 in Newsletter

„O mein Gott – Strom!“ – war zwar nicht mein erster Gedanke an der Uni, wohl aber einer der ersten. Ich hatte ja schon von der Universität zu Frankfurt gehört – von dem alten Turm, der bald abgerissen werden soll, von der nicht mehr komplett aktuellen Technik, von dem generellen Fehlen der Moderne in diesen Wänden. Aber so… Das Problem bestand wohl darin, dass ich durch Mainz verwöhnt war: Dort gab es in nahezu jedem Gebäude einen PC-Pool mit massenhaft Computern, allesamt mit Win7 und einem Internet, das mir auf Rapidshare schon mal 16 MBit/s brachte. Und nun saß ich im 33. Stock des AfE-Turmes und starrte gebannt auf den Röhrenmonitor aus 1992, der mit gefühlten 30 Hz Facebook lud. Und er lud lange. Zwischendurch dachte ich noch: „Wäre der Monitor noch drei Jahre älter, wäre er älter als ich.“ Und: „Es ist schon toll, dass Firefox zwei Minuten zum Starten gebraucht hat.“ Und: „Zum Glück läuft hier kein 3.1 mehr.“ Und zu guter Letzt fertigte ich in meinem Kopf noch eine detaillierte Interpretation von Dantes Göttlicher Komödie an. Dann endlich war Facebook geladen…

Das, liebe Kinder, ist ein "Röhrenmonitor". Von Früher.

Aber zurück zum Thema: Mein erster Tag verlief eigentlich ganz nett. Ich wusste zuerst nur, dass ich eine Vorlesung im „AfE-Turm“ hatte. Wird sich schon finden, dachte ich – unwissend der 38 Stockwerke dieses Gebäudes…

Erste Hälfte von "HdR: Die zwei Türme"

Also ab zum Pförtner und gefragt, wo ich denn die Infos über den Raum herbekommen könne. „Im 33. Stock ist das Sekretariat für pädagogische Psychologie, da können Sie fragen“, sagte er und grinste. Glaube ich zumindest. Jedenfalls stand ich ca. 10 Minuten später (die Aufzüge brauchen ewig) vor dem Sekretariat und las die Öffnungszeiten. Ha-ha. Grummelnd zurück zum Fuzzi im ersten Stock und mein Leid geklagt. „Ja, können Sie das vielleicht im Internet nachsehen?“ –„Internet??? Sie haben in diesem Gebäude INTERNET?!“ wollte ich sagen, doch bevor es herausplatzte, sprach der Kerl: „Ist im 33. Stock.“ —– Selbst Bernd das Brot hatte in diesem Augenblick einen intelligenten Gesichtsausdruck im Vergleich zu mir.

Unten im Bild: Brett vorm Kopf

Als ich dann endlich im Seminar saß, war ich dreifach geschockt. Erstens: Es war voll. Und ich meine: Voll. Während man in Mainz noch eine halbe Stunde nach Beginn kommen und sich trotzdem jeden nur erdenklicken Platz aussuchen konnte, war er hier total überfüllt – alles war besetzt, Bänke, Tische, Treppen, Gänge. Es war beinahe ein Viertel so voll wie in einer Tokioter U-Bahn, und das heißt schon was. Zweiter Schock: Die Professorin hat genau das gleiche Gesicht und die gleiche Stimme wie Frau Schmidt damals! Aber das ist nur für Leute interessant, die zu besagter Zeit – die sog. „Crazy History“-Ära – in meinem Kurs waren. Ist ja auch egal. Der dritte Schock betraf die Studenten: Sie alle hatten Gesichter. Das mag vielleicht nicht so dramatisch klingen, aber in Mainz hatten sie alle keine – da sah man Laptops sitzen. Pro Raum zwar vielleicht nur etwa 40-50 Stück, aber mehr Studenten waren ja auch nie da. Aber hier – fast 200 Gesichter, alle nach vorne gerichtet! Das war schon krass. Von wegen, die Uni sei veraltet – scheinbar hat ganz Frankfurt das Zeitalter der Ablenkungselektronik verschlafen. Daher also mein nicht-erster Gedanke, als das Licht zugeschaltet wurde: „O mein Gott – Strom!“

Aber nicht alles ist schlecht – als ich zufällig ein Mal im Westend war, durfte ich erleben, warum Bockenheim so veraltet wirkt. Über dem Eingang des großen Gebäudes steht in Lateinischen Worten: „Irgendwo muss das Geld ja hin“. -Glaube ich zumindest, aber da ich kein Latein kann, könnte die Übersetzung falsch sein. Jedenfalls ist dort tatsächlich alles schön, edel und modern — toll. Aus Frust bin ich dann 2 Stunden nonstop Pater Noster gefahren und habe dabei anderen Leuten den Spaß an diesen Aufzügen vergrault (Beispiel: Wenn man in den Keller fährt, einfach nur aufschreien und ein matschendes Geräusch machen – von da an fährt keiner mehr durch…).

Außerdem habe ich ein wunderbares Türschild gefunden:

Natürlich bin ich gleich (unaufgefordert) eingetreten… ich will nicht wissen, wie oft die Leute dahinter diesen Witz schon gehört haben, aber ihren Gesichtern nach muss es mehr als ein Mal passiert sein. [Obwohl, ich vermute, dass nicht viele Leute solche Dinge ebenso wörtlich nehmen wie ich– oder, noch besser: Die Leute hinter der Tür wissen gar nichts von dem Schild und es ist nur ein verspäteter Aprilscherz…]

Jedenfalls ist es cool, im 38. Stock zu stehen und GoogleMaps in 3D, mit Panoramablick, hochauflösend und live zu betrachten – das gab es in Mainz nicht. Irgendwas muss sich ja gelohnt haben… Also wenn ihr mal zufällig am Campus Bockenheim seid, könnt ihr euch gerne Autogramme abholen, mich kritisieren, auslachen und mir Tiernamen geben – ganz wie ihr wollt.

Bis dahin gilt nur – wer hätte das gedacht –

Viel Spaß noch im Leben!

Man beachte den original Frankfurter Smog

Also die Modelle sehen ja schon gut aus, aber die Weitsicht ist noch verbesserungswürdig.