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Apr 14

Das Ultimatum

Posted on Mittwoch, April 14, 2010 in Newsletter

Liebe LeserInnen, liebe unfreiwilligen MithörerInnen, liebe SpitzelInnen aus Schäubles Stasieinrichtung! [Feminismus kann extrem nerven!]

Mein erstes öffentliches Thema bezieht sich auf Verbraucherministerin Ilse Aigner (45) (CSU). Diese Dame – die niemand außer ihren eigenen Eltern überhaupt kennt – wollte die Welt verändern, das Internet zu einem sichereren Platz machen, dem Konsumdenken eine Grenze setzen – und war dafür zum Äußersten bereit. Es sollte der Kampf, der Sieg des Jahrhunderts werden.

Verbraucherministerin Ilse Aigner (45) (CSU) vs. Facebook.

Ilses Absichten waren eigentlich ganz löblich: Da hat sie doch glatt entdeckt, dass das soziale Netzwerk Facebook in gewisser Weise eher ein asoziales sei, dem Datenschutz relativ egal ist. Na ja, natürlich kann man sich darüber streiten, aber ich persönlich finde ihren Punkt verständlich und realistisch. Was also war die Pointe bei der ganzen Sache? Das Ultimatum der Ilse Aigner.

Am Anfang war das Wort. In diesem speziellen Fall in Form eines offenen Briefes, der vom Stern (glaube ich) online veröfentlicht wurde. Er begann recht gewöhnlich und stellte die üblichen Forderungen. Ich zitiere ein paar Teile daraus:

Sehr geehrter Herr Zuckerberg,

mit großer Verwunderung habe ich gesehen, dass „Facebook“ ungeachtet der Bedenken von Nutzern und massiver Kritik von Verbraucherschützern den Datenschutz im Netzwerk weiter lockern möchte. Wie es in Ihrer aktuellen Datenschutzrichtlinie heißt, sollen künftig Nutzerdaten automatisch an Dritte weitergegeben werden. Dabei soll es sich um vorab überprüfte Website- und Applikationen-Betreiber handeln. Wer dies nicht möchte, muss selbst tätig werden und aktiv die Opt-Out-Funktion benutzen.

Ich nutze jeden Tag, beruflich wie privat, das Internet, und bin Mitglied in mehreren sozialen Netzwerken, darunter auch bei Facebook. Soziale Netzwerke sind eine Bereicherung und aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Gerade weil Netzwerke wie Facebook Millionen von Menschen über Ländergrenzen hinweg miteinander vernetzen, muss der Schutz der Privatsphäre einen hohen Stellenwert haben.

[…]

Ich erwarte von Facebook, die Datenschutzrichtlinie umgehend zu überarbeiten.

• Facebook muss sicherstellen, dass die persönlichen Daten aller Mitglieder umfassend geschützt werden.

• Geplante Änderungen der Nutzungsbedingungen müssen allen Mitgliedern klar und deutlich bereits vor jeder Änderung mitgeteilt werden.

• Grundsätzlich dürfen persönliche Daten nicht ohne Einwilligung automatisch an Dritte zu kommerziellen Zwecken weitergeleitet werden. Eine Weiterleitung und Kommerzialisierung privater Daten darf nur mit Zustimmung der betroffenen Personen erfolgen. Gerade weil besonders jungen Nutzern meist nicht bewusst ist, dass ihre persönlichen Profile zu kommerziellen Zwecken genutzt werden sollen, kommt Unternehmen wie Facebook eine besondere Verantwortung zu.

[…]

Bis dahin noch ohne große Besonderheiten. Ein offener Brief, der Vorgänger der Online-Petition: Total nutzlos, aber schindet Eindruck – nicht beim Empfänger, aber auf den darüber berichtenden Seiten. Aber dann, wenn man sich schon fast als Überlebender des vernichtenden Briefes sieht, kommt der Schock! Ich muss alle sensiblen Leser ausdrücklich darauf hinweisen, dass der folgende Absatz an Grausamkeit kaum zu überbieten ist. Ilse Aigner droht am Ende des Briefes:

Sollte Facebook nicht bereit sein, seine Firmenpolitik zu ändern und die eklatanten Missstände zu beheben, sehe ich mich gezwungen, meine Mitgliedschaft zu beenden.

Mit freundlichen Grüßen

Ilse Aigner

Oh! Mein! Gott! Wie stellt sie sich das vor? Facebook lebt doch quasi nur von ihrem Profil! Ohne ihre Seite wäre die Community leer! Niemand, wirklich niemand könnte sich überhaupt nur an diese komische blaue Seite da erinnern! So in etwa muss Frau Aigner gedacht haben. Tja.

Ich muss euch etwas beichten: Ich habe den Namen „Ilse Aigner“ in der Zwischenablage und füge ihn jedes Mal mit  [Strg ]+[V ] ein. Warum? Weil ich bis vor wenigen Tagen nicht mal wusste, dass „Ilse Aigner“ überhaupt existiert. Kanntet ihr diese Frau? Und selbst wenn: Ist sie in euren Augen von irgendeiner Bedeutung? Na also.

Einen Tag nach Veröffentlichung des Briefes war das Chaos perfekt. Die Chefetage von Facebook war außer sich, überall Panik, Schrecken in den Gesichtern: Die Kaffeemaschine war kaputt. Ach ja, und dieser Brief vorhin, von wem war der noch gleich? Keine Ahnung, nie gehört. Aber der (oder die?) wollte sein (oder ihr?) Profil löschen, wegen Datenschutz und so. Wie praktisch, ein paar MB  auf dem Server werden frei. Aber woher bekommen wir jetzt unseren Kaffee?

Am Osterwochenende war es dann so weit. Ilse Aigner ging majestätisch zu ihrem MacBook, blickte Stolz auf den Apfel darauf (sie war ja so modern!) und startete das Gerät, das kein PC ist. Mit langsamen, bedächtigen, fast schon spirituellen Bewegungen rief sie „http://www.facebook.com/“ auf, wobei sie jedes Zeichen und jeden Buchstaben mit akribischer Genauigkeit eingab. Jetzt würde sie diese Seite in den Ruin treiben……… Plötzlich knallt die Tür auf, ihr Mann stürmt herein: „ILSE! NEIN! TU ES NICHT!!!„. Er wirft sich vor das Sofa, will seine Frau davon abhalten – doch es war zu spät. Noch während seines Fluges, fast wie in Zeitlupe, hatte Verbraucherministerin Ilse Aigner (45) (CSU) ihren Zeigefinger auf die Maustaste aufschlagen lassen, den Cursor auf den „Profil löschen“-Button gerichtet. Die Bestätigungsfrage poppte auf, Herr Aigner sah seine letzte Chance – aber bis er sich aufgerappelt hatte, war es zu spät. Das Profil der Ilse Aigner war  v e r s c h w u n d e n . Und wisst ihr, was dann geschah?

Nichts.

Ich wünsche euch allen noch einen schönen Tag und möchte euch mal ganz nebenbei auf etwas aufmerksam machen: Facebook ist cool. Bis jetzt waren Schüler- / StudiVZ die beiden einzigen Seiten, die das Prinzip gut fortgeführt hatten – all der andere Dreck  (Wer-kennt-wen, StayFriends, SpickMich, Schulfreunde uvm.) haben sich daran versucht und sind gescheitert. Facebook jedoch – als Vorreiter der ganzen Idee – ist klasse und funktioniert perfekt. Kommt dazu und schaut euch einfach mal um. Kostet nichts, und wer keine privaten Daten eingibt (Adresse, Telefonnummer), hat auch nichts zu befürchten. Vielleicht sehen wir uns ja bald – bis dahin:

Viel Spaß noch im Leben!

P.S.: Ich habe mein Profil noch nicht gelöscht – trotz der AGBs. Interesse? Hier findet ihr mich.