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Feb 15

радуга

Posted on Samstag, Februar 15, 2014 in Newsletter

Es war wieder so weit. Wie ich das hasse. Besonders die Krämpfe, manchmal. Aber ich versuche, mich zu entspannen. Ich lasse meine Hufe sanft in die Wolke sinken, stoße mich langsam wieder ab. Es zieht immer noch im Bauch, aber ich entspanne mich und es geht ein wenig besser. Gleich ist es so weit. Ich knicke meine Vorderbeine ein wenig ein, strecke das magische Hinterteil etwas in die Höhe – und da passiert es: Ich schieße durch die Lüfte, fliege in einem hohen Bogen über die Städte und Felder und produziere einen wunderschönen Regenbogen. Mein Rücken tut echt weh, aber immerhin: Das Ergebnis ist richtig schön geworden. Das ganze jetzt noch ein paar Mal und dann hab ich endlich wieder ein paar Wochen Ruhe. Übrigens: Ich bin Thorben “Chrystal” Cirrostratus, Regenbogeneinhorn zweiter Klasse. Ja, ich weiß, wie das klingt – aber der Andrang zu Zeiten meiner Ausbildung war echt riesig, und außerdem ist zweite Klasse bei weitem nichts schlechtes. Das lasse ich mir gar nicht erst einreden.

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Tja, was macht man so als Regenbogeneinhorn? Also eigentlich ist das ja ganz simpel: Zwei Jahre Ausbildung, ein Jahr Praktikum im Glitzerwunderland. Das ist so eine Art Real-Life-Simulation, nur halt viel kleiner. So ein kleines Dorf eben, immer winterlich mit dicken Schneedecken auf den kleinen Holzhäusern, und darin machen dann immer Weihnachtselfen Ferien und gucken voll begeistert, wenn da ständig übende Einhörner in Ausbildung drüberfliegen. Was für ein Chaos, der ganze Himmel ist überzogen von Regenbögen! Aber das dient ja nur der Übung, wir lernen da natürlich auch alles über die Physik dahinter. Dass wir auch immer nur mit Sonne im Rücken fliegen und so, damit die Menschen sich komische “Gesetze” zur “Bildung von Regenbögen” ausdenken können. Prisma und so. Trottel.
Nun gut. Später, also wenn die Ausbildung fertig ist, gibt’s die Abschlussprüfung. Das Studium darf man mit 12 Jahren beginnen, und mit 15 muss man dann sein Können über der echten Welt präsentieren. Meistens über dem Atlantik, der Antarktis oder über Südkorea während der Starcraft-Meisterschaft – eben immer an Orten bzw zu Zeiten, an denen eh keiner auf Regenbögen achtet. Falls es schief geht. Und dann? Dann, wenn man bestanden hat, darf man in den Außendienst. Das ist knallharte Schichtarbeit: Man ist für ein paar Tage extrem beschäftigt, dann übernehmen andere. Gute vier Wochen später (kann aber je nach Witterung und Besetzung etwas schwanken) ist man dann wieder dran. Ich sag mal: Angenehm ist es nicht, aber der Job geht schon in Ordnung. Immerhin kann man die meiste Zeit durch die Märchenwälder reiten und böse Hexen mit seinem Horn zerfleischen. Da sollen wir aber nicht drüber reden, ist schlecht fürs Image, sagt der Chef. Sei’s drum, wenn einer fragt: Ich reite den ganzen Tag glitzernd über Wald und Wiesen.

 

Warum ich mich gerade heute an euch wende? Eine dringliche Angelegenheit. Wir mischen uns ja eigentlich nie in die Geschäfte der Menschen ein, wozu auch. Aber was vor wenigen Tagen passiert ist, also da müssen wir echt mal drüber reden! Der Ruben (vollst.: Rubeus “Tinkerbell” Lucharmán) hatte Wochenschicht (6 Tage! Gott, war der mies drauf!) über diesem riesigen Land, wo die Menschen immer nur Wasser trinken und danach komisch werden. War mir eh schon immer suspekt, aber egal. Jedenfalls hat der Ruben da also *whooooom* einen Bogen nach dem anderen geschossen, und dann kamen da plötzlich Flugzeuge, und auf einem dieser Flugzeuge saß ein alter Mann mit verhältnismäßig wenig Haaren und ohne Oberkörperbekleidung, und der hatte eine Armbrust dabei, und dann hat der den Ruben abgeschossen! Jetzt hatte der Ruben aber zum Glück sein ConePhone dabei und konnte uns auf dem laufenden halten, was weiterhin passiert ist. Er hat uns also erzählt, dass der Mann ihn zuerst nur betäubt hatte, die haben ihn dann scheinbar noch im Sturz gefangen genommen und zu dem alten Mann in die Wohnung gebracht. Da ist er dann in einem Hinterzimmer aufgewacht… Angekettet.

 

Aber: Wer nun ein kaltes, dunkles Verließ erwartet, liegt falsch! Es war ein wunderschönes Zimmer, mit rotem Teppich, die Wände umsetzt von Plüsch, auf dem Boden überall Schmusekissen und Kuscheltiere. Und das war noch nicht alles: Ruben hatten sie die Mähne und den Schwanz gefärbt! Statt seinen edlen, weißen Haaren fielen an ihm nun gleichmäßig gestreifte Strähnen in Regenbogenfarben herab. Welch eine Demütigung! Und als sei das nicht genug, kam der alte Mann, immernoch oben ohne, zu Ruben und lächelte ihn verspielt an. Ruben wurde Angst und Bange.

Was hatte der Mann bloß vor? Was würde er Ruben antun? Diese Gedanken schossen meinem armen Freund und Kollegen durch den Kopf. Doch ihr werdet nicht glauben, was geschah: Der Mann zog sich komplett aus (!), stieg auf Ruben und began, auf ihm durch den Raum zu reiten! Dabei lachte er voll Glückseligkeit und sang auf Englisch: “Why am see A?” – was auch immer das bedeuten mochte, mein Englisch ist nicht so gut. Als er dann fertig geritten hatte, zog er sich wieder an und sagte noch etwas ganz komisches. Es klang ein bisschen, als hätte er schlimmen Husten gehabt, aber verstanden habe ich kein Wort: “Если кто-нибудь узнает об этом, вы мертвы!” – also Englisch ist das jedenfalls nicht.

 

Am Abend war der Akku von Rubens ConePhone leer, und wir haben seit dem nichts mehr von ihm gehört.

 

Wir haben uns hier im Stuhlkreis informiert und über das Geschehene diskutiert. Offenbar fühlt sich dieser alte Mann nicht wohl dabei, auf Einhörnern durch Kuschelwiesen zu reiten und sich nackt auf Regenbogenkissen zu wälzen. Warum nicht? Warum muss er das heimlich im Keller machen? Vielleicht, weil er Angst hat, dass andere Menschen ihn dafür auslachen. Vielleicht verhält er sich sogar gerade deshalb in der Öffentlichkeit ganz böse gegenüber anderen Menschen, die so etwas gerne machen. Damit man überhaupt erst gar nicht daran denkt, dass er selbst Gefallen daran findet. Wir haben Fotos von ihm gesehen – er ist schon vorher halb nackt durch die Natur geritten, und in Form eines verzweifelten Hilferufs hat er diese Fotos sogar öffentlich verbreitet!

Helft uns! Helft uns, dass unsere Freunde nicht entführt und misshandelt werden. Wir machen doch nur unsere Arbeit! Wir haben doch niemandem etwas getan….. So, mein Bauch zieht. Ich muss wieder—-