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Dez 10

Mangosaft

Posted on Mittwoch, Dezember 10, 2014 in Newsletter

Und so saß ich also aus Mangel an Alternativen immer noch alleine an der Theke und bestellte einen Mangosaft, einfach nur, weil es ihn gab. War ja nicht so, als hätte ich um diese Uhrzeit noch etwas Produktives anstellen können, also kritzle ich noch ein Wenig auf dem Kellnerblock herum, den mir der nette Typ an der Bar überlassen hat, schaue hin und wieder auf mein Handy, was aber mangels Empfang hier unten sowieso keine Neuigkeiten zu berichten hat.

Versunken in Gedanken blicke ich plötzlich auf, als ein kalter Windhauch über meinen Rücken weht. Eine Kälte, die von vielen als Unangenehm bezeichnet wird, doch ich genieße diese willkommene Erfrischung. Und um meine unterbewusste Vermutung zu bestätigen, betrat tatsächlich mein alter Freund die Bar. Er ging auf seine typisch gleitende Art auf den Tresen zu, tippte meinem Sitznachbarn sanft auf die Schulter und sah ihn an. Friedlich und sanft sackte mein Nebenmann zusammen und knallte dann weniger sanft auf den Boden. Kaum, dass er seinen Hocker vollständig verlassen hatte, machte es sich mein alter Freund auf ebendieser Sitzgelegenheit bequem. Ich sah kurz zum Barkeeper, rief hörbar laut: “Ich glaube, der Kerl hier braucht einen Arzt!” und drehte mich dann zurück und sah den Tod freundlich an.

“Was geht?” – “Hallo, Carsten. Wusste gar nicht, dass du auch hier bist.” Natürlich wusste er das, aber wie immer war er sehr höflich und versuchte, menschlich-warm zu wirken. So weit das neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit möglich war. “Lebensmittelvergiftung”, sagte er und nickte in Richtung des Toten. “Ziemlich heftig diesmal.”

Wir erleben einen dieser kurzen Augenblicke der Stille, in denen ein Themengebiet abgeschlossen ist und beide darauf warten, dass der andere etwas sagt. Da mich der Tod erwartungsvoll anschaut, gönne ich ihm das Wort: “Du hättest dich nicht extra gesetzt, wenn du nicht etwas erzählen wolltest.” Tatsächlich sehen wir uns eher selten, und wenn, dann meistens nur für einen Augenblick. Dann nicken wir uns kurz zu und gehen weiter unserer Wege. Doch manchmal braucht er jemandem zum Reden – nicht als psychologische Maßnahme, sondern einfach, weil er besonders stolz oder belustigt über ein bestimmtes Ereignis ist und diese Freude teilen möchte. Und so viele Leute zum Reden hat er halt nicht, der Gute. Nun also lächelt er, sofern man seinem nicht gerade herausragend emotionalem Gesicht entnehmen kann, und beginnt zu erzählen.

 

“Du hast doch sicherlich von dem Flugzeug gehört?”

- “Absturz. Irgendwo in der Türkei… Nähe Antalya oder so?”

“Du schaust inzwischen also sogar Nachrichten?”

- “Zufall. Stand was drüber auf Facebook, hab die Überschrift gelesen. Angeblich eine Entführung oder ein Notfall, jedenfalls kein Funkkontakt mehr und die Route hat sich verändert. Mehrfach sogar, was irgendwie total komisch war.”

“Genau so, mein Lieber. Ich hatte da gerade Schicht und war an Bord. Wusste zwar schon, dass alle drauf gehen, aber ich wollte mich überraschen lassen und hab mir daher vorher keine Details durchgelesen. Dachte mir halt, ‘Absturz eben, technisches oder eher menschlichesn Versagen vermutlich’, aber man kann ja immer Glück haben und vielleicht gibt’s vorher ein bisschen Action.”

- ”Schicht. Sag mal, ich hab inzwischen schon mitbekommen, dass du nicht der einzige bist, sondern einer von vielen. Wie viele seid ihr eigentlich? Hängt dann da in der Hölle ein Wochenplan und jeder trägt sich ein? Ich meine, …”

“Carsten, das mit der Hölle finde ich ziemlich abwertend. Ich behaupte ja auch nicht, dass du in einem kleinen Zimmer arbeitest, das aussieht wie eine Technik-Müllhalde und vollgestellt ist mit Kabeln, Computern und anderem Gerümpel.”

- “Was allerdings echt gut hinkommt.”

“…”

- “Also? Wochenplan?”

“Du siehst das viel zu menschlich. Wir denken eher kollektiv, du darfst unsere Gemeinschaft nicht mit einem Büro oder einer Arbeitsgruppe vergleichen. Unser ganzes Geschäftsmodell ist für einen Menschen unbegreiflich, mach dir lieber erst gar keine Gedanken darüber. Jedenfalls haben wir doch schon ‘gute’ und ‘schlechte’ Tage, so will zum Beispiel niemand ständig bei der ISIS rumhängen. Das ist einfach so ein erbärmlich dreckiger Ort voller Hass und Dummheit, da hält es niemand lange aus. Während der Osten an sich eher unbeliebt ist, sind Flugzeuge jedoch stets ein Highlight. Wenn man bedenkt, dass die meisten Tode im Krankenbett stattfinden, Alter und Krankheit, dann hat ein dramatischer Unfall schon etwas magisches.”

 

Mein Mangosaft kommt, stark verspätet ob meines verblichenen Sitznachbars, endlich an und ich schlürfe einen großen Schluck durch den knickbaren Strohalm. Geistesabwesend biege ich den Strohalm immer wieder hin und her und höre gebannt zu, was auf dem Flug passiert ist.

 

“Ich sitze also gemütlich im Flugbegleiterbereich und warte darauf, dass etwas passiert. Alle möglichen Leute im Flugzeug – auch viele Araber, aber ich will da ja keine Vorurteile schüren. Wollte auch nur sagen, es waren jetzt nicht hundert Pfarrer und ein Araber, sondern eben recht viele. Also, unauffällig. Wusste nicht, was auf mich zukommt. Wir fliegen also Stunden lang ereignislos, dann steht doch tatsächlich so einer mit Turban auf. Kein Scheiß, volle Kanne Klischee: Weiße Robe, weißer Turban, Vollbart. Ich dachte echt, ich säße in einem schlechten Film. Dann geht der Lump original in Richtung Cockpit, schnappt sich ein Stewardess als Geisel, brüllt irgendeinen Hallakallalacka-Blödsinn und stürmt ins Cockpit. Bastelt da halbwegs professionell am Funk rum oder so, keine Ahnung. Panik, Drama, alle schreien, Flugzeug ändert Kurs. Ich dachte mir dann, der Kerl kann vermutlich doch nicht so gut fliegen oder einer der Piloten opfert die Maschine und irgendwie wird’s abstürzen.”

- “Aber es kam dann doch ganz anders.”

“Na jaaaa…. Also ‘ganz anders’ wäre jetzt nicht mein Ansatz, aber es ist schon ein bisschen mehr passiert. Ich hab nie darüber nachgedacht, aber jetzt, da es passiert ist – irgendwann musste es ja passieren.”

- “Und zwar?”

“Gleich. Ich muss kurz zur Toilette. Lass mich dir einen kleinen Denkanstoß geben – ich habe das neulich gelesen und finde es gerade sehr passend: Ein wichtiger Mann hat Angst davor, in einem Flugzeug mit einer Bombe zu sitzen. Er fragt einen Mathematiker, wie hoch die Chancen dafür seien – und obwohl sie sehr gering sind, waren sie ihm doch immer noch zu hoch. Also hat er den Mathematiker gefragt, ob er diese Wahrscheinlichkeit noch mehr verkleinern könnte. Denk mal drüber nach, was der Mathematiker ihm geraten hat! So, bis gleich.”

 

Mit diesen Worten entschwand er und lies mich nachdenklich zurück.

 

Er war schnell. Keine zwei Minuten später schwebte er schon wieder aus der Tür heraus und auf mich zu. Ich sah ihn mit fragenden Augen an. “Du hast die Antwort noch nicht gefunden?” fragte er mich, als er den Tresen erreicht hatte. “Doch, doch, schon”, antwortete ich, “was mir gerade stattdessen durch den Kopf geht, ist viel mehr: Du musst pinkeln?! Immer, wenn ich dir etwas anbiete, lehnst du ab und behauptest, du würdest nichts essen oder trinken, also warum musst du dann…” – “Die Lebensmittelvergiftung. Der Mann da neben dir war nicht alleine bei dem Asiaten, weißt du?” – “Ahh so. Aber erst jetzt?” – “Sein Freund war etwas schlauer und ist direkt aufs Klos gerannt, hat viel getrunken und wollte die Pampe schnell wieder los werden.” Er machte einen “dumm gelaufen”-Gesichtsausdruck, setzte sich wieder und fügte sarkastisch hinzu: “Hat aber nichts genützt.”

- “Immerhin ein paar Minuten mehr.”

“Ich glaube nicht, dass er sie genossen hat. Aber egal. Der reiche Mann fragte also den Mathematiker, wie er denn die Chancen verringern könnte, an Bord eines Flugzeuges zu geraten, in dem jemand anderes eine Bombe geschmuggelt hat. Der Mathematiker antwortete darauf, dass..”

- “…der reiche Mann selbst eine Bombe mitnehmen sollte, weil das die Chancen expotentiell verringert.”

“Du mathematisches Genie.”

- “Ich hab das Bild auch gesehen.”

“Oh. Nun, also weiter im Text. Du kannst dir jetzt ungefähr ausmalen, was als nächstes geschah.”

- “Der reiche Mann, sozusagen. Der Klischee-Terrorrist war nicht der einzige an Bord.”

“Ganz genau! Der zweite Terror-Fritze musste total aus dem Häuschen sein! Stell dir das mal vor, da planst du Jahre lang diesen einen besonderen Tag, hast es bis auf die Zielgerade geschafft – und dann stiehlt dir jemand anderes die Show. Was muss sich der Kerl dabei gedacht haben?”

- “Vermutlich so was wie ‘Allah hasst mich’?”

“Hehe… Ein bitterer letzter Gedanke für einen Märtyrer. Jedenfalls ist der Zweitplatzierte total am Ausrasten! Zieht plötzlich ein Messer, rennt nach vorne ins Cockpit! Und das Geile war ja: Die Leute haben das nicht gecheckt! Die dachten erst, das wäre ein Held, der ihnen allen das Leben rettet! Ich hab auch kurz gezweifelt – aber seine Augen waren voller Hass und Verachtung, keine Spur von Angst. Da war mir sofort klar, das war der reiche Mann. Der wollte niemanden retten.”

- “Und dann?”

“Na ja, ganz ehrlich: Der Rest ist langweilig. Beide vorne, kleiner Kampf, Messerstecherei, ein paar Tote. Kontrollverlust des Flugzeugs, Absturz, mein Einsatz. Nichts, was erzählenswert wäre. Das geniale war einfach nur: Zwei in einem Flugzeug! Das war so funny, hab fast den ersten Toten vergessen.”

- “Funny. Redest du jetzt auch so ein Denglisch?”

“Oh, macht man das nicht? Ich wandle inzwischen einfach zu lange auf diesem Planeten, ich versuche immer mal, mich modernen Bräuchen anzupassen…”

- “Ne, lass das. Nicht das.”

“Na gut. Ich muss dann mal wieder, da schläft gleich einer am Steuer ein. Wir sehen uns dann… Ach, und: Bleib lieber erst mal von den Toiletten weg.”

- “Yo. Frohes Ernten!”

 

Und damit glitt er durch die Tür heraus. Nur, weil ich das oft gefragt werde: Ja, er könnte durch die Wand. Nein, er teleportiert sich nicht, aber er kann sehr schnell überall durch. Nein, niemand kann ihn sehen, fast jedenfalls. Ja, es steckt eine lustige Geschichte hinter unserer ersten Begegnung.

Aber die erzähle ich ein andermal.