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Aug 27

Der perfekte Tag

Posted on Mittwoch, August 27, 2014 in Newsletter

Der Mann gesetzten Alters wettert wild gestikulierend gegen Dinge, die ich leider nicht hören kann. Der Knopf im Ohr spielt den guten alten Stoff von Limp Bizkit, gelegentlich deckt es sich lippensynchron mit dem alten Sack. Er rappt Hasstriaden und fuchtelt dabei mit den Armen. Bushidos Opa. Ich grinse, stehe auf, gehe zur Tür. Während ich aus dem Bus springe, sehe ich dem Kerl ins Gesicht, forme eine Westcoast-Geste mit meiner Hand und bestätige ihn mit einem kurzen: "Yo! So isses." Ich jogge entspannt zur Bahn und genieße den Morgen. Heute wird ein guter Tag.

 

Bahnfahrt. Ich fühle mich ein wenig verloren, da ich nach über tausend Seiten meine alltägliche Beschäftigung abgeschlossen und während der Fahrt nun nichts mehr zu tun habe. Musik ist jetzt Subway to Sally - man sage, was man will, aber der Sänger hat eine lustige Stimme. Ein Blick nach draußen zeigt mir den allgegenwärtigen Um- und Neubau. Finanzkrise überwunden? Zumindest wird zur Zeit überall gebaut, renoviert und erweitert. Ein dummer Vogel knallt gegen einen Baum. Ich grinse kurz und bestätige damit die grausame Seite der menschlichen Natur. Andererseits sah es halt schon lustig aus und dem Vogel geht es bestimmt gut. Nun lehne ich den Kopf zurück und sehe abwesend durch alles hindurch. Deep Thought Mode activated! Wobei sich meine deep thoughts darauf beschränken, ob sich andere Menschen auch solche Gedanken machen, wie ich. Käsebrot. Liegt zwei Abteile weiter unter den Sitzen. Geheime Übergabe wegen einer Entführung? Ob da Geld drinnen ist? Ich widerstehe der Versuchung und stelle mir stattdessen vor, wie eine arme Mutter um ihre Tochter bangt, weil das Lösegeld verschwunden ist. Ich bin im Begriff, mich schlecht zu fühlen, als die Fantasie-Mutti heulend den Namen ihrer Tochter mit Schandtalle offenbart. Ich fühle mich nicht mehr schlecht und möchte fast aufstehen, um nach dem Käsebrot zu sehen, bin dann aber doch zu faul. Und irgendwie ist es ja doch unwahrscheinlich.

Aber man muss seine Chancen nutzen! Bestimmt mache ich mir nun ewig Vorwürfe deswegen. Morgen stehts in der Zeitung. Dramatische Entführung glimpflich beendet. 25.000 Euro zwischen zwei Brötchenhälften, ein wenig Butter und einer Scheibe Cheddar. Aber wenn das echt da steht, geht es wieder - die Eltern einer Schandtalle haben keine 25k. Dieser Gedanke war gemein. Aber nicht so gemein, wie sein Kind durch eine solche Namenswahl zu misshandeln. Ich sollte mir vielleicht echt lieber Gedanken über meine Zukunft und mein Leben machen.

Aber das wäre ja langweilig.

 

Ich komme an meinen beiden (aktuellen) Lieblingskränen vorbei. Seit Wochen steht immer einer normal und zeigt auf zwei andere, deren Hälse nach oben geklappt sind. Jedes Mal sehe ich etwas anderes - mal tanzen sie, mal jubeln sie und mal bedroht der eine die beiden anderen, die schockiert die Hände erheben. Aber etwas ist heute anders... Sie sind so weit weg... Ein Blick aufs Handy bestätigt mir, dass die Wochen der Umleitung vorbei sind und die Bahn wieder den alten Weg fährt. Ich werde die Nähe der Kräne vermissen... Aber auch nur die. Endlich kann man wieder normal fahren. Heute scheint alles toll zu werden, der Tag, die Woche, das Leben ist schön. Denn genau so geht es Menschen wie mir, die die Augen vor der Wirklichkeit verschließen und nur die kleinen Freuden sehen. Ein wenig Mitleid für all jene, die das nicht tun. Ich könnte niemals so leben... Immer nur alles tragisch sehen? Die Umwelt, die schlechten Verhältnisse, globale Erwärmung, Politik, Krisen... Was bringt es uns denn, ständig über alles zu klagen? Na ja, vielleicht bringt es ja manchmal tatsächlich etwas. Aber das ist nicht meine Welt. Ich genieße einfach, was ich habe, und ignoriere Dinge, die mich nichts angehen. AUSSER IN-APP-KÄUFEN IN SPIELEN MIT PREMIUM-WÄHRUNG, DIE ERFINDER UND PRODUZENTEN DIESER SCHEISSE SOLLEN VERRECKEN! Aber das ist ein anderes Thema. Eigentlich sehe ich alles positiv. :)

 

Plötzlich: Dunkelheit.

 

Hauptbahnhof, wie hab ich dich vermisst. Seit Wochen bin ich nicht mehr aus der Finsternis ins Helle und umgekehrt getragen worden. Die Bahn fährt endlich wieder in den Tunnel und schenkt mir damit bestimmt 6 Minuten Fahrzeit. Natürlich ist das für Typen WIE DICH nicht viel, aber ich genieße eben die kleinen Dinge. Und wenn du eben gedacht hast, dass diese 6 Minuten doch echt nicht der Rede wert sind, dann siehst du, dass ich Recht habe.

 

Am Campus angekommen tänzle ich zum Aufzug, schneide eine mäßig tiefsinnige Grimasse und grinse mich selbst an. Ich habe aber auch echt riesiges Glück: Auf der ganzen Welt gibt es tatsächlich nur einen einzigen Menschen, der diese meine Taten witzig findet, und dann bin ich das auch noch selbst! Jackpot. Getrieben von der Musik in meinem Ohr (und ein bisschen von der in meinem Kopf) geht es weiter, in der alltäglichen Routine. Büro, PC eingeschaltet, Wasserkocher in die Hand, wieder raus, Kocher gefüllt, zurück, Teekanne vorbereitet, eingeloggt, Anrufbeantworter abgehört, Wasser in Teekanne, auf den Stuhl chillen, Lebensmotivation prüfen, Motivation finden, aufatmen, und fertig. Die folgenden Ereignisse zu schildern wäre größtenteils langweilig, und die Teile, derer Erwähnung lohnt, sollte ich wirklich nicht öffentlich erzählen. Ich verbringe den Tag ausreichend unterhaltsam, wenngleich wenig aufregend.

Zu Mittag setze ich mich exakt an die Schattengrenze, denn um die Sonnenseiten des Lebens genießen zu können, muss man schließlich gegenüber sitzen. Euphoria: Nicht nur die Bahn fährt wieder normal, nein - auch das Inquisitionscafé ersetzt das Schild die Urlaubspause betreffend durch eine geöffnete Theke und freundlich lächelnde Hipster. Wenn es noch besser läuft, platze ich. Kurz nach dem Essen vibriert mein Handy, und ich platze. Es ist eine dieser Nachrichten, die keinen wirklich tiefen Informationsgehalt besitzen, aber die Stimmung augenblicklich nach oben katapultieren. Ich antworte mit einer Nachricht gleichen Inhalts und kippe grinsend einen Tee in mich. Kennt ihr das, wenn jemand eine Nachricht schreibt, die nur aus einem Satz oder einer Bemerkung besteht, aber trotzdem so viel Persönlichkeit des Verfassers beinhaltet, dass man sofort diese Person und ihre Eigenheiten im Kopf hat? Ich liebe solche Botschaften. Aber ich schweife ab! In meiner Umgebung fällt Regen, doch in meinem Herzen scheint die Sonne. Ihre Strahlen kratzen über die verkümmerten, schwarzen Steilhänge darin, aber dieses Bild macht die Atmosphäre etwas kaputt. Jump-Cut zum Feierabend!

*Jump-Cut*

Knopf ins Ohr, Krach aktiviert und auf zur Bahn. Diesmal nicht nach Hause, sondern die neue Brille abgeholt. Auf dem Weg unterbreche ich meine Musik, um den Erklärungsversuchen der beiden Mädchen im Abteil gegenüber zu lauschen, die samt riesiger Einkaufstüten und Starbucks-Bechern leider kein Geld mehr für die Fahrkarte hatten. Sie geben dem Kontrolleur lautstark ihren vollen Namen sowie die vollständige Adresse - an dieser Stelle frage ich mich, ob sie gleichzeitig zu denen gehören, die ihr Facebook aus Datenschutzgründen löschen? Wohl eher nicht, Facebook besteht aus genau dieser Gruppe Menschen, aber die Frage ist trotzdem interessant. Ihr Passfoto ist katastrophal peinlich, übrigens. Also das von der am Fenster, die aus Bad Homburg. Blöd, dass solche Bilder biometrisch sein müssen und man nicht aus hundert Versuchen das beste aussuchen und mit zig Filtern misshandeln kann... Tragisches Leben.

 

Ankunft.

Aussteigen, der Herr - im Regen. Nicht Zorn-Gottes-Regen, aber genug, um zu nerven. Aber ganz ehrlich? Wenn ich über Sonne meckere, dann heißt es immer "Ach ja, aber wenn es dann mal regnet wird auch wieder nur geschimpft."... Also will ich mit gutem Beispiel voran gehen und spaziere durch den Regen. Ich nehme nicht mal den Bus. Wenn es das nächste mal heiß ist, werde ich auf diesen Tag zurück kommen.

Auf dem Weg mache ich einen kurzen Abstecher ins Rathaus, zur öffentlichen Toilette. Gerade läuft ein episch heldenhaftes Stück aus einer klassischen Sinfonie, und ich komme mir vor, als würde meine Miktion über das Schicksal der Menschheit entscheiden. Stolz trete ich aus der Kabine, wasche mir die Hände und klopfe mir selbst auf die Schulter. Ich bin schon krass. Nun schnell weiter zum Brillengeschäft, denn der Regen wird echt nicht weniger.

Keine 20 Minuten später erlebe ich diesen wundervollen Moment einer neuen Brille. Plötzlich wird alles klarer, schärfer, kontrastreicher. Gut, meine alte Brille sitzt seit über sechs Jahren in meinem Gesicht und hat die offizielle Zertifizierung für Milchglas erhalten, das macht den Effekt natürlich noch stärker. Total begeistert begebe ich mich auf den Heimweg. Der Regen hat aufgehört, und wenngleich es zu bewölkt für einen Regenbogen ist, glaube ich doch, einen zu sehen.

 

Mein Heimweg nähert sich dem Ende. Zurück im Bus von heute morgen, der stinkige alte Kerl ist leider nicht mehr anwesend, teilt mein Headset mir mit, dass es in ca 20 Minuten die letzten Akkureserven aufgebraucht haben wird. Wenn alles glatt läuft, muss ich es also am Ende meiner Reise nicht mal ausschalten! Ich genieße die Landschaft, die Bäume ziehen vorbei, Jugendliche kippen Jack mit Cola schubweise in sich rein, eine zu junge Mutter mit Zigarette im Mund brüllt in ihren Kinderwagen, der Busfahrer beleidigt die anderen Autos in kreativen Deutsch. Und ich? Ich lächle selig, führe eine aufmunternde Konversation auf meinem Handy, schwebe mit der Musik aus dem Bus heraus, gleiten sanft über Straßen und Wege zu meiner Haustür. Mein Headset verreckt, als ich den Flur betrete. Der Tag war perfekt. Plötzlich höre ich, wie jemand meinen Namen schreit.

 

¯¨`*·~-.¸··._▂▃▅▇█▓▒░ 

 

"MÜLLER!", dann noch mal: "MÜLLER! VERDAMMT NOCH MAL DAS REICHT!"

Ich blinzle. Bin wieder bei der Arbeit eingeschlafen. Büro, Tabellen, Buchführung. Und zu Hause wieder meine Frau, die mich hasst, die mir ständig die Ohren voll heult dass ich mich gar nicht für die Umwelt einsetze, ob ich denn unsere Tochter in eine solche Welt entlassen möchte.

"ICH HABE SIE MEHRFACH EINDRINGLICH GEWARNT! DAS WAR DAS LETZTE MAL! SIE SIND NICHT NUR ABSOLUT INDISKU..."

Seit siebzehn Jahren gebe ich mir das. Die Karriereleiter habe ich mir anders vorgestellt. Dabei habe ich doch alles richtig gemacht: Immer brav in die Reihe gestellt, mich an Regeln gehalten, niemals aus der Rolle gefallen. Ist das alles, was das Leben zu bieten hat? Warum kann es nicht sein, wie in meinen Träumen? So einfach und unbeschwert?

Dass ich gefeuert wurde, habe ich gar nicht mitbekommen. Ich bin einfach gegangen. Ich bekomme nichts mehr mit. Nach Hause. Frau schimpft, warum so früh, was ist wieder passiert, Gift und Galle, Hass und Verachtung. Ich gehe in den Keller, schließe die Tür. Steige auf den Stuhl, lege die Schlinge um. Den Stuhl hat meine Frau gekauft, so ein nachhaltiges umweltfreundliches Drecksteil. Er wackelt und bricht.

 

░▒▓█▇▅▃▂ ._.··¸.-~*´¨¯`´*schwarz.

 

Zu Hause angekommen lege ich den alltäglichen Kram wie Kopfhörer und Handy ab, schlüpfe in eine bequemere Hose, lasse mich auf den Sessel fallen. Ich sehe mir ein paar lustige Bilder an, genieße den Abend. Noch eine Runde spielen, vielleicht was lustiges anschauen, und dann ab ins Bett. Ich werde schläfrig und drifte ab ins dunkle, endlose, ewige Reich der Träume.

Mein Leben ist perfekt.